David Simo (Yaounde)
Monolingualität, Multilingualität,
Polylog.
Wie ist Kommunikation über Sprachgrenzen hinweg
möglich ?
In den 20er und 30er Jahren dieses Jahrhunderts entwickelten
zwei amerikanische Anthropologen, nämlich Edward Sapir und
Benjamin Lee Whorf, das sogenannte sprachliche Relativitätsprinzip.
Die Sapir-Whorf-Hypothese versucht, die Sprache innerhalb einer
bestimmten Kultur sowie die Rolle, die sie bei der Beschreibung
dieser Kultur spielt, zu bestimmen. Die Erkenntnis leitenden
Fragen formuliert Whorf wie folgt:
1) Are our own concept of "time", "space",
and "matter" given in substancially the same form by
experience to all men, or are they in part conditioned by the
structure of particular languages.
2) Are there traceable affinities between a) cultural and
behavioral norms and b) large scale linguistics pattern (Whorf
1956, 138).
Um diese Fragen zu beantworten, geht er, genau so wie Humboldt
oder Sapi, vergleichend vor. Europäische Sprachen vergleicht
er mit der indianischen Sprache Hopi und kommt zu folgenden Ergebnissen:
"[...] 'concept' of 'time' and 'matter' are not given in
substancially the same form by experience to all men, but depend
upon the nature of language through the use of which they have
been developped. They do not depend so much upon any one system
(e.g. tense or nouns) within the grammar as upon the ways of
analysing and reporting experience which have become fixed in
the language as integrated "fashion of speaking" and
which cut across the typical grammatical classifications".
(Whorlf 1956, 158.)
Nicht die Erfahrung strukturiert die Sprache also, sondern
umgekehrt: die Sprache strukturiert die Erfahrung. Aus dieser
Erkenntnis kann gefolgert werden, dass die Sprache sowohl die
kognitiven Prozesse wie Perzeption, Kategorisierung und Interpretation
als auch das emotionale Verhalten bestimmt. Die Sprache wird
zu einem Bezugssystem erhoben, in welchem sich das Denken, aber
auch das Fühlen einordnet.
Denken über die Sprache und Erfahrung des Anderen
Diese Analyse schreibt sich in ein komplexes Geflecht von
Diskursen und Gegendiskursen ein, die ihr nicht nur einen wissenschaftlichen
Wert verleiht, sondern auch einen ideologischen. In der Vorgehensweise
Whorfs zeigt sich, wie sehr das Auftreten aussereuropäischer
Sprachen in den europäischen Horizont das Denken über
die Sprache entscheidend bestimmt hat. Seit dem 17., aber vor
allem seit dem 18. Jahrhundert war die Beschäftigung mit
den Sprachen der jüngst entdeckten Völker zu einem
entscheidenden Faktor der Selbstdefinition und Selbsteinschätzung
in Europa geworden. Wie Calvet gezeigt hat, weicht eine Auseinandersetzung
zwischen den europäischen Sprachen von einer Auseinandersetzung
mit nicht europäischen Sprachen ab. Und dabei wird die konstatierte
Differenz in eine Hierarchie überführt. Der Vergleich
der europäischen Sprachen mit anderen Sprachen hatte vor
allem die Aufgabe, die schon politisch proklamierte und philosophisch
sanktionierte Vormachtstellung der Europäer gegenüber
anderen Völkern zu illustrieren.
Die Sprache wird genauso wie andere Elemente der Kultur als
etwas aufgefasst, das sich im Laufe der Geschichte stets perfektioniert
hat. Sie haben sich also von einer ursprünglichen Primitivität
zu einem komplexen Mittel der Kommunikation entwickelt. Und wie
in anderen Bereichen wird die Diachronie auf die erlebte Synchronie
projiziert. Primitive sind nicht nur die Ahnen der Europäer,
sondern auch die zeitgenössischen Völker, mit denen
die Europäer sich in den erworbenen oder noch zu erwerbenden
Überseekolonien konfrontiert sehen. Diese Völker dokumentieren
also die verschiedenen kulturellen und sprachlichen Stadien der
Entwicklung, durch die die Europäer gegangen sind. Sprache
und Kultur, vor allem Denkvermögen, werden korreliert. Die
Geschichte der Sprache und des Denkens werden als eng verbunden
betrachtet. Primitive haben nur eine primitive Sprache und können
nur primitiv denken. Je verfeinerter die Sprache, umso verfeinerter
das Denken.
Die vom Diskurs der Aufklärung entwickelte Dichotomie
Wilde/ Zivilisierte strukturiert also das Denken über die
Sprache. Diese Dichotomie ist aber noch nicht eine essentialistische
Opposition wie im rassistischen Diskurs des 19. Jahrhunderts,
denn die implizierte Hierarchie wird durch den Glauben an die
prinzipielle Perfektibilität des Menschen ergänzt.
Die konstatierten Unterschiede können also durch Erziehung
überwunden werden. Daraus wird der Imperialismus seine Rechtfertigung
ableiten und sich als humanistisches Projekt verkaufen. Eine
Pyramide der Sprachen und Kulturen wird also konstruiert, woraus
eine Aufgabe für jene Sprachen und Kulturen abgeleitet wird,
die auf der höchsten Stufe der Entwicklung sind. Die Kolonisation,
und das heisst die Ausbeutung von Völkern, wird zu einer
historischen Last (Burden of the white man) stilisiert.
In diesem Denken wird also schon Sprache und Denken korreliert,
aber man geht noch wie bei Platon davon aus, dass es eine vorlinguistische
Organisation der Welt gibt. Die Sprache benennt also nur Sachen
und drückt Gedanken aus, die schon existieren.
Die Sprache wird als Ort der Manifestation substantieller
Wahrheiten betrachtet. In ihr wird etwas ausgedrückt, das
außerhalb von ihr liegt. Sie ist Medium einer ursprünglichen
Offenbarung. Aufgrund dieser Vorstellung der Beziehung zwischen
Sprache und Wahrheit sowie aufgrund der Annahme der Einheit und
Unteilbarkeit dieser Wahrheit wird zunächst der Versuch
unternommen, zurückzufinden zu einer utopischen adamistischen
Ursprache, in der die unteilbare Wahrheit aufgehoben ist. Schon
bei diesem Versuch werden Sprachen nach ihrer Nähe oder
Verwandtschaft zu der Ursprache klassifiziert und hierarchisiert.
Statt die perfektionierte Sprache in einer vorbabelische Ursprache
zu suchen, sehen die Theoretiker der Sprache in der Aufklärung
vielmehr in europäischen Sprachen das raffinierteste Medium
zur Formulierung der Wahrheit. Diese Wahrheit ist nicht metaphysisch
wie bei Platon, sie ist auch nicht mehr theologisch, sondern
rational. Die Vernunft ist die Instanz, die die Wahrheit legitimiert
und es gibt nur eine Vernunft.
Die Hierarchie zwischen den Sprachen ist hier eine Hierarchie
in der Systematik und Adäquatheit des Denkens und Sprechens
über die Welt.
In diesem Denken gibt es kein Problem der Kommunikation über
Sprachen hinweg. Da die Wahrheit oder die Ordnung der Welt unabängig
von der Sprache existiert, gibt es kein grundsätzliches
Problem der Verständigung. Die verschiedenen Idiome verweisen
auf ein und dasselbe. Und es gibt eine höhere Instanz, von
der aus die Kommunikation reguliert werden kann, nämlich
die Vernunft.
Das Sprachrelativitätsprinzip bricht mit diesen Postulaten.
Aber es ist nicht ganz neu. Es knüpft an andere Ansätzen
in Europa an, die im 19. Jahrhundert entwickelt worden waren.
Es übernimmt so unterschiedliche und manchmal sich bekämpfende
Ansätze wie die Herders, Humboldts, Durkheims und sogar
Saussures.
Die Theoretiker der Nation hatten schon auf die unverwechselbaren
Weltansichten der Nationen verwiesen, die durch die Partikularität
der Sprachen bedingt waren. "Eine Nation in diesem Sinne
ist eine durch die Sprache charakterisierte geistige Form der
Menschheit (...) " (Humboldt Bd. 6/1, 125.) So schrieb
Wilhelm von Humboldt 1827. Dieser Definition pflichteten nicht
nur die Romantiker bei. Die Individualität der Nation bestimmt
nicht einfach die Sprache, sondern steht umgekehrt unter ihrem
Einfluss. Die nationale Kultur wird in der Sprache als deren
Weltansicht greifbar, aber sie ist auch nur durch die durch die
Sprache gesetzte Grenze möglich (Vgl. Werlen 1989). "Obschon
also grössstentheils das Werk der Nationen, beherrschen
die Sprachen sie dennoch, halten sie sie in einem Kreis befangen,
und sie sind es, die ganz vorzüglich den Nationalcharakter
bilden, oder bezeichnen". (Humboldt Bd. 4,247.)
Der nationalistische Diskurs ging und geht immer noch davon
aus, dass die nationale Sprache das Wesensmerkmale der Kultur
der Nation darstellt, dass sich in ihr die Seele, der Volksgeist,
die Identität der Nation ausdrückt und da diese Identität
als etwas Absolutes, Vollkommenes behandelt wird, wird sie auch
als etwas Heiliges, Wertvolles betrachtet, das geschützt
und in seiner Reinheit belassen werden soll.
Die Behauptung der Bestimmtheit der durch die Sprache gesetzten
Grenze führt nicht zur Annahme der Notwendigkeit der Ausweitung
dieser Grenze durch Kontakte mit anderen Sprachen, sondern eher
zur Behauptung der Notwendigkeit der Festigung dieser Grenze.
Wenn nun die Nation als monolinguale Sprachgemeinschaft verstanden
wird, dann können multilinguale Situationen nur als Bedrohung
der nationalen Identität, als etwas Negatives betrachtet
werden. So schrieb Ernst Moritz Arndt 1819: Wenn, wie ich
eben gezeigt habe, das ungebührliche Trachten nach dem Fremden,
besonders der zu frühe Gebrauch einer fremdem Sprache auf
den Einzelnen so neutralisierend und schwächend wirkt, wie
viel grösser und verderblicher muss diese Wirkung auf ein
ganzes Volk seyn!, wenn ein Volk so unglücklich ist, sich
in eine fremde Sprache zu verlieben, so will es sich selbst und
seine Eigenthümlichkeit und Art verlieren und in eine andere
fremde übergehen (Zit. nach B. Lenz/ H. J. Lüsebrink,
1999, 11). Schon an diesem Zitat wird deutlich, dass in diesem
Diskurs an die Möglichkeit der Ausweitung der sprachlichen
Grenzen nicht gedacht werden kann, so dass der Kontakt mit fremden
Sprachen immer als Gefahr eines Verlustes betrachtet wird. So
besteht nur die Alternative zwischen Verankerung in die eigene
Sprache und Denkweise oder Wechsel in eine andere Sprache und
Kultur.
Relativitätsprinzip als Kritik des Eurozentrismus
Wie man sieht, war von Anfang an der Diskurs über die
Sprachen als Grenzen der Erfahrung und des Denkens immer verbunden
mit konkreten ideologischen und politischen Zielen. Auch das
sprachliche Relativitätsprinzip hatte seine politische Brisanz.
Dieses Prinzip unterstreicht die Bedeutung der Sprachen, aller
Sprachen, denn in diesen Sprachen werden wichtige unersetzliche
Erfahrungsmodi der Welt gesehen. Die Kategorien, die Whorf wählt,
um seine Hypothese zu überprüfen, nämlich Zeit
und Raum, zeigen deutlich, dass er an den französischen
Soziologen Emile Durkheim anknüpft. Dieser hatte in der
Tat in seinem Buch "Les formes élémentaires
de la vie religieuse" die Kategorie "représentations
collectives" entwickelt und an den Vorstellungen von Zeit,
Raum, Personalität und Zahlen exemplifiziert. Damit verwarf
er sowohl die rationalistische als auch die empiristische Vorstellung
des intellektuellen Lebens. Die Idee der Zeit und des Raums entsprang
für ihn weder aus einer eingeborenen Vernunft, noch aus
der Erfahrung der Welt durch Individuen. Sie sind, so Durkheim,
von der Gesellschaft gemeinschaftlich produzierte Vorstellungen,
die dem Individuum einen Denkrahmen geben.
Durkheim hatte diese Einsicht aus dem Studium von ethnographischem
Material aus Australien und aus Amerika gewonnen. Whorf versucht
also nur diese These empirisch zu überprüfen. Schon
bei Durkheim war die Entwicklung seiner Theorie mit der Absicht
verknüpft, Kategorien zu entwickeln, die vermeiden helfen
sollen, aussereuropäische Kulturen einfach mit europäischen
Kulturen zu vergleichen und dabei europäische Maßstäbe
anzuwenden.
Die Anerkennung der Besonderheit und Einzigartigkeit der durch
die Sprache bestimmten Kulturen erlaubte es nicht mehr, von einer
Unteilbarkeit der Wahrheit auszugehen, sondern setzte die Erkenntnis
durch, dass jede Kultur ihre eigene Rationalität hatte und
ummittelbar zu Gott stand. Damit war die Gleichheit der Kulturen
noch nicht bewiesen, denn es fehlte nicht an Kriterien, um Hierarchien
aufzubauen. Aber diese Kulturen wurden nicht mehr betrachtet
in Hinblick auf unterschiedliche Plazierungen auf einer Zeitaxe
der Entwicklung, deren vorderste Stelle von Europäern besetzt
waren.
Somit wird verständlich, warum dieses Relativitätsprinzip
eine so grosse Faszination auf antikolonialistische Denker und
Kämpfer ausübte. Dieses Prinzip stellte in der Tat
koloniale Ansprüche der Zivilisierung und Missionierung
in Frage und verwarf sie als Versuche der Akkulturation, der
Deformierung und der Zerstörung. Die verschiedenen Sprachen
werden als ein Reichtum der Humanität angesehen. Ihre Vielfältigkeit
wird zum Ausdruck der Vielfältigkeit der menschlichen geistigen
Möglichkeiten, zum Beweis dafür, dass der Mensch seinem
Leben unterschiedliche Richtungen geben kann. Das sprachliche
Relativitätsprinzip war also sehr wichtig bei der Infragestellung
des Universalitätsanspruchs des westlichen Weltbildes und
seines imperialistischen Anspruches. Zum Programm der Kolonialherrschaft
gehörte es, den Kolonisierten die Sprache des Kolonialherrn
aufzuoktroyieren und ihre eigenen Sprachen als Ausdruck ihrer
Inferiorität zu deklarieren und zu marginalisieren. Die
Kolonialherrschaft hat daher viele Sprachen zum Verschwinden
gebracht. Die Sprachenfragen waren daher eine wichtige Problematik
bei der Dekolonisation. Es ist daher kein Zufall, wenn der große
Theoretiker der afrikanischen Dekolonisation, Frantz Fanon, sein
erstes Buch "Peau noire, masque blanc" mit dem Kapitel
"Le noir et le langage" beginnt. Bei ihm wie bei anderen
antikolonialen Denkern wurde die Sprachen der Kolonialherren
als das gefährlichste Mittel der Kolonisation der Köpfe
angesehen. So wurde eine Kulturrevolution gefordert, die einheimischen
Sprachen ihre Bedeutung und ihre Funktion im Alltag und in der
Öffentlichkeit wieder geben sollte (Vgl. L. A. DIOP. 1979).
Dass eine solche Revolution fast nirgends Wirklichkeit geworden
ist, ist ein anderes Thema.
Das sprachliche Relativitätsprinzip forderte die Rückbesinnung
auf die bedrohten lokalen Sprachen und begründete Versuche,
den epistemologischen Imperialismus des Westens dadurch zu konterkarieren,
dass genuine einheimische Denksysteme durch die Analyse der Sprache
sichtbar gemacht werden (A. Kagame, 1955 und 1976, Ntumba, 1920).
Relativitätsprinzip als Neorassismus
Aber das sprachliche Relativitätsprinzip konnte auch
als nationalistisches, chauvinistisches Argument verwendet werden,
um Abkapselung und Ausgrenzung zu begründen. Das Relativitätsprinzip
kann auch das Prinzip der Verschiedenheit als Prinzip der Antinomie
auffassen und dadurch ein Denken in Disjunktionen fördern,
das eine Unmöglichkeit der Verständigung zwischen den
verschiedenen Sprachen und Kulturen postuliert. Der Neorassismus
rekurriert inszwischen auf solche Argumente.
Der Rassismus hat seine biologische Terminologie längst
zugungsten einer kulturalistischen, differenzialistischen Sprache
ausgetauscht. Der neorassistische Diskurs stützt sich nicht
mehr auf Begriffe wie Rasse, Vererbung, sondern auf Termini wie
Kultur, Differenz. Anthropologische und sprachliche Relativitätsprinzipien
werden dann bemüht, um die Gefährlichkeit interkultureller
Kontakte zu begründen und einen Ethnopluralismus zu unterstützen,
der die Idee der "getrennten Entwicklung", der Vermeidung
von Kulturkontakten und Kulturmischungen propagiert.
Der französische Politologe Pierre-André Taguieff
hat in einer umfangreichen Studie dargelegt, wie sich dieser
Prozess in Frankreich vollzieht. Der Nationalrassismus proklamiert
das Recht, anders zu sein (le droit à la différence),
plädiert aufgrund dieses Rechtes für die unbedingte
Aufrechterhaltung, Verteidigung oder Wiederherstellung von Volksgruppen
mit ihren partikularistischen Charakteristiken. Der Neorassismus
malt die schreckliche Perspektive eines totalen Verlustes von
Kollektividentitäten. Die spezifischen tradierten Kulturen
oder die differenziellen Erbschaften werden zu absoluten Größen
erhoben, die in ihrer Reinheit konserviert werden müssen.
Die Ideologie der Differenz, so Taguieff, muss als radikaler
Ausdruck von zwei Ideologemen, die in Europa inzwischen vorherrschend
geworden sind, betrachtet werden: Einerseits die postmoderne
Hypostasierung des Individuums mit der narzistischen und hedonistischen
Fokussierrung auf das Ich, das Eigene; andererseits das Recht
zur Selbstbestimmung der Völker. Beide Ideologeme haben
eines gemeinsam: Sie lehnen universalistische Postulate ab. Diese
werden als imperialistische Ideologien, als Rechtfertigung der
Vernichtung von kollektiven Identitäten, als Rechtfertigung
der Überfremdung denunziert. Gegen die Abstraktion des Universalismus
erhebt sich ein Fundamentalismus der reinen Identität und
der Differenz.
Natürlich ist dieser Universalismus, wogegen reagiert
wird, kein Phanton. Der humanistische Universalismus implizierte
sowohl in seinem Diskurs als auch in seiner Praxis ein Telos,
in dessen Namen partikulare Identitäten negiert, Grenzen
ignoriert, Unterschiede getilgt wurden. Nach einer einheitlichen
Menschheit wurde gestrebt, die nach dem europäischen Modell
imaginiert wurde. Das Ergebnis kennen wir: Eine unaufhaltsame
Einbettung oder Subsumtion aller Kulturen unter das westliche
Gesellschaftsmodell, eine kontinuierliche Vereinnahmung aller
Völker.
Solange die Bewegung von Europa ausging und die Auswirkung
vor allem bei Anderen zu spüren war, solange nur einige
Abenteurer, Beamte und Emigranten an der Peripherie reale Kontakte
mit den Anderen hatten, solange die Beziehung zu den exotischen
Anderen sich auf Kriegsschauplätzen, auf Plantagen, in Missionsschulen,
weit weg in den Kolonien und unter klaren hierarchischen Strukturen
abspielten, solange wurde das ganze Unternehmen bewundert, gelobt,
und unterstützt, auch wenn es immer wieder kritische Stimmen
gab. Aber seit es eine Umkehrbewegung gibt, seit Gruppen, im
Zuge der durch dieses Abenteuer ausgelösten Globalisierung
sich ihrerseits in den europäischen Metropolen anzusiedeln
begonnen haben, und eine gewisse Resistenz gegen die totale Vereinnahmung
zeigen, seitdem entdeckt man in Europa wieder die Vorzüge
der Verschiedenheit. Der Kult der Verschiedenheit wird dann zum
Vorwand genommen, um Abkapselung, narzistische und hedonistischen
Beschäftigung mit sich zu legitimieren. Da erfreut sich
die Ideologie der Heterphobie-Heterophilie, das heisst die Ideologie
des Hasses auf den Anderen, die einher geht mit der Zelebrierung
des Rechts auf die Differenz, einer starken Reaktivierung. Die
Deutschen bekunden ihr Recht, anders als der Türke zu sein,
die Franzosen pochen auf ihr Recht, anders als der Maghrebiner
zu sein und alle leiten daraus die Notwendigkeit ab, die Anderen
in ihre Heimat zu schicken, damit sie dort sich selbst bleiben,
und die Deutschen oder die Franzosen unter sich bleiben und nicht
durch kulturell Fremde überfremdet werden oder ihre Identität
verlieren. Das nennt Taguieff Nationalrassismus.
Humanistische, universalistische Gleichheits- und Einheitslehren,
die seit dem Zweiten Weltkrieg in der europäischen öffentlichen
Meinung vorherrschend waren, weichen immer mehr identitarischen
Postulaten. Und diese Postulate ersetzen das Prinzip einer weltweiten
Monokulturalität durch das Prinzip von lokalen Monokulturalitäten.
Und sie bedeutet noch einmal Ausgrenzung, Narzissmus, Arroganz,
Hierarchisierung.
Die Verteidigung von Volksgruppenidentitäten, die ein
erklärtes Programm von Völkern aus der Peripherie des
europäischen Zentrums war, also eine Resistenz oder Defensivstrategie
darstellte, erfährt dadurch, dass sie zum Programm von politischen
Kräften in Europa wird, eine Umwandlung in eine offensive
Strategie und bekommt somit eine neue Bedeutung. Sie wirkt antithetisch
zu einer forcierten Globalisierung, sammelt aber zugleich alle
durch diesen Prozess angestauten Frustrationen und Verunsicherungen
zu einer Sprengkraft, die leicht mobilisiert werden kann.
Nicht nur im Hinblick auf die Beziehung zu den aussereuropäischen
Volks- und Sprachgruppen werden solche Bestrebungen zu einer
Gefahr für das Zusammenleben von Menschen. Sie verstärken
auch innerhalb von Europa, also zwischen den verschiedenen europäischen
Staaten und in den Staaten selbst, den traditionell latent schlummernden
Nationalismus und Chauvinismus. Auf diesen Prozess kann hier
nicht eingegangen werden. Aber angemerkt werden soll, dass neben
zentripetalen Bewegungen, wie dem europäischen Einigungsprozess,
auch zentrifugale Bestrebungen zu beobachten sind. Hier sei nur
auf die verschiedenen Kriege in Osteuropa und auf dem Balkan
verwiesen, aber auch auf das Baskenproblem, auf das korsische,
irische Problem usw. Nationalistische, rassistische und ethnozentristische
Ideologien erheben die Monolingualität immer mehr zur Norm
oder zum Ziel.
Kritik des absoluten Relativitätsprinzips
Ein konsequentes sprachliches Relativitätsprinzip schliesst
die Möglichkeit der Existenz in derselben Sprache, aber
auch die Möglichkeit der Kommunikation über Sprachgrenzen
hinweg, aus. Es schliesst auch die Möglichkeit der Übersetzung
aus. Insofern ist es als wissenschaftliche Theorie der Sprache
in seiner radikalen Auffassung nicht haltbar. Das Problem liegt
darin, dass aus empirisch richtigen Feststellungen theoretische
Schlüsse formuliert werden, die über die Beispiele
allzu sehr hinausgehen. Daher schreibt der Philosoph Paulin J.
Houtondji aus Benin (Afrika) "La thèse de la relativité
linguistique n'a de valeur heuristique que dans ses formulations
les plus sobres, en tant qu'elle fonde des enquêtes empiriques
relevant de la lexicologie et de la syntaxe comparée,
en tant qu'elle appelle l'attention sur les différences,
d'une langue à l'autre, dans la perception et la classification
des couleurs, des plantes, des animaux, ou d'autres secteurs
analogues du réel, dans l'organisation de la phrase, l'assignation
des fonctions grammaticales des mots ou des propositions, pour
ne citer que quelques exemples. La tentation est grande, malheureusement,
d'aller plus loin, de radicaliser artificiellement les différences,
de prendre l'empirique pour le transcendantal en érigeant
sciemment de simples catégories linguistiques en catégories
ontologiques, bref de supposer à la langue et aux différences
entre les langues, une profondeur métaphysique que rien,
dans la réalité, ne saurait confirmer."
(Houtondji 1985, 82)
In der Tat ignoriert eine zu radikale Auffassung dieses Prinzips
die Tatsache, dass in der Wirklichkeit, monolinguale Situationen
eher selten sind und dass Menschen stets in vielen Sprachen gelebt
und miteinander mehr oder weniger gut kommuniziert haben. Wie
ist interkulturelle Kommunikation trotz des tatsächlichen
Einflusses der durch eine Kultur elaborierten Kategorien auf
das Denken möglich? Dafür gibt es einige Erklärungen:
1) In jeder Kultur gibt es immer viele Sprachen, Klassensprachen,
Altersprachen, Berufsprache, geschichtliche Sprachen usw. Jede
Kultur ist also immer einheitlich und zugleich diversifiziert.
Auch wenn man in einer monolingualen Situation lebt, übt
man sich im Umgang mit verschiedenen Soziolekten. Diese Übung
schafft eine Kompetenz, die im Umgang mit fremden Sprachen mobilisiert
werden kann.
2) Auch wenn Menschen unterschiedliche Kulturen und Sprachen
haben, bleiben sie Menschen und verfügen über grundanthropologische
Kompetenzen, die die Kommunikation zwar nicht einfach, auch nicht
reibunglos, aber möglich macht.
Die Erziehungswissenschaftlerin Petra Sternecker hat in Anlehnung
auf die von der Psychologie entworfenen vier Grundqualifikationen
sozialen Handelns, universalistische Persönlichkeitsmerkmale
herausgearbeitet, deren Mobilisierung eine erfolgreiche Bewältigung
interkultureller Interaktions- und Kommunikationsprozesse ermöglichen
könnte. Diese vier Merkmale sind: die Empathie, die Rollendistanz,
die Ambiguitätstoleranz und die kommunikative Kompetenz.
(Sternecker, 1992.)
Als Einfühlungsversmögen gegenüber dem Interaktionspartner
ermöglicht die Empathie die kognitive Vorwegnahme seiner
Handlungsdispositionen und Verhaltenserwartung. Nur so kann die
interkulturelle Kommunikation als "alternierender Prozess
zwischen der Berücksichtigung anderskultureller Handlungsdeterminante
und dem Einbringen eigener Handlungsabsichten" funktionieren.
(Sternecker 1992, 164.)
Die Rollendistanz ist die Fähigkeit "die eigenen
Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster in ihrer kulturellen Bestimmtheit
zu erfassen "(Sternecker 1992, 164), d.h. sich sozusagen
von "Außen" betrachten zu können. Dadurch
verlieren die eigenen Werte und Normen ihren Selbstverständlichkeitscharakter
und können kritisch betrachtet, relativiert, verworfen oder
verteidigt werden. Diese Fähigkeit ermöglicht die Überwindung
dichotomer Denkmodelle und die Herstellung einer gemeinsamen
Verständigungsbasis in Interaktionsprozessen.
Die Ambiguitätstoleranz ist die Fähigkeit, die Inkompatibilitäten,
die in der Struktur des sozialen Handlungsgefüge angelegt
sind, zu tolerieren, d.h. Wiedersprüche zu akzeptieren,
aber auch "die im Aufeinandertreffen unterschiedlicher kultureller
emotionaler Unsicherheiten und kognitiven Destabilisierungen
zu ertragen" (Sternecker 1992, 166).
Die kommunikative Kompetenz setzt die anderen Fähigkeiten
voraus, erfordert aber auch die Kenntnis der Sprache oder der
Sprachen der Interaktionspartner und die Fähigkeit, einen
Ausgleich zwischen der rationalen Ebene und der emotionalen herzustellen.
Sie ist auch die Fähigkeit, im Kommunikationsprozess kulturbedingte
Kommunikationsstörungen mit dem Interaktionspartner zu thematisieren.
Diese Grundfähigkeiten sind nicht leicht zu mobilisieren.
Ihre Mobilisierung erfordert von den Individuen und von den Gruppen
viel Energie, aber vor allem Einsicht in ihrer Notwendigkeit
. Sie führt notwendigerweise zu Infragestellungen oder neuen
Betrachtung der bequemen bis dahin nicht hinterfragten Selbstverständlichkeiten,
die die Alltagsrituale und das individuelle Verhalten beeinflussen,
sie führt auch zur Zulassung des Anderen und zum Bewusstsein,
dass man " nicht die ganze Wahrheit vertritt und dass
die (eigene) Form des Daseins nur einen Teil des Menschen ausmacht"
(Böhme1985, 288). Dadurch kann eine Identität entstehen,
die allein die Herausforderungen des nächsten Jahrtausends
zu bewältigen vermag. Allein eine solche Identität
ist imstande, dem ethnischen Postulat, das Julia Kristeva für
die Zukunft formuliert hat, zu genügen, nämlich, dass
jeder sich selbst, seine eigene Kultur nicht vergisst, aber sie
zugleich so relativiert, dass sie mit anderen Kulturen leben
und alternieren kann. Diese Identität ist von einer fundamentalistischen,
monosprachlichen Identität weit entfernt, sie bedeutet auch
nicht den totalen Verlust der eigenen ursprünglichen Identität
durch Nivellierung oder Angleichung ; sie bedeutet vielmehr ein
Oszillieren zwischen den Sprachen und Kulturen. Sie bedeutet
auch die Entstehung von Räumen der Hybridisierung und des
Synkretismus. Eine solche Entwicklung ist aber nur dann möglich,
wenn international und national Rahmen eines egalitären
Umgangs miteinander geschaffen werden. Denn sobald asymmetrische
Situationen und hierarchische Strukturen geschaffen werden, entstehen
Defensivhaltungen und ein Rückzug zu dem bedrohten Eigenen.
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POLYLOGE I - Wir brauchen eine
neue Synthese im Denken über Denken, Sprache und Kultur
POLYLOGUES I - Towards a New Synthesis in Thinking about Thinking,
Language and Culture |