Wilayet Hadschiyew (Aserbaidschan,
Baku)
Übersetzung als interkultureller
Prozess
Obwohl in der letzten Zeit soviel von der Globalisierung der
Welt, der Annäherung von verschiedenen Kulturen, der Integration
gesprochen wird, glaube ich, dass jeder von uns spürt, dass
dieser Prozess sich nicht so einfach und leicht vollzieht. Der
Grund dafür ist, dass die Menschen in verschiedenen geographischen
Räumen über verschiedene Werte und Kulturen verfügen
und natürlich das "schlimmste" ist, dass sie in
verschiedenen Sprachen sprechen, obwohl sie über dies und
jenes gleicherweise denken. Das sollte bedeuten, dass eine große
Mehrheit von Menschen in dieser Welt einander einfach nicht versteht.
Und ohne Verständigung wäre es völlig absurd,
von einer Annäherung der Kulturen, einer neuen Synthese
im menschlichen Denken zu sprechen. So entsteht ein seltsames
Paradox: die Sprache als "das wichtigste Kommunikationsmittel"
und auch der wichtigste Bestandteil der menschlichen Kultur verwandelte
sich durch ihren verschiedenartigen Klang, Rhythmus, grammatikalischen
Bau usw. in eine Barriere bei der Kommunikation, die doch dazu
beigetragen hätte, dass die Menschen voneinander, übereinander,
von ihren Sitten und Bräuchen, Lebensweisen, der Art und
Weise des Denkens mehr und mehr wissen könnten. Und das
könnte seinerseits zu Anerkennung, zu Toleranz, zu Verständnis
führen. So entsteht ein großer Bedarf an etwas, das
alles wenigstens einigermaßen überwinden könnte
- genauer gesagt an einem Menschen, der zwischen verschiedenen
Sprachen und Kulturen vermittelt. Natürlich ist dieses etwas
- Übersetzung und der Mensch - Vermittler-Übersetzer.
Der Übersetzer als Vermittler hat dabei eine sehr schwere
Aufgabe. Wenn wir von der Behauptung des deutschen Philosophen
und Sprachwissenschaftlers August Schleicher über den Ursprung
der Sprachen ausgehen, dass alle Sprachen von einer Ursprache
abstammen und sich später verzweigt und in verschiedene
Sprachfamilien gegliedert hätten, so könnte man sagen,
dass er "den Fehler" der historischen Entwicklung zu
verbessern versucht. Das heißt, er habe die Aufgabe, die
Brücken über die durch Zerstörung des Sprachtums
entstandenen Brüche aufzubauen, was nicht nur als interkultureller
Prozess bezeichnet werden könnte. Auch seinerzeit hat der
große Goethe in seinen Noten zum West-Östlichen Divan
mehrmals vom Übersetzen als "Bekanntmachen mit dem
Ausland" gesprochen und "die Annäherung des Fremden
und Einheimischen, des Bekannten und Unbekannten" für
das Endziel einer Übersetzung gehalten.
Was ist überhaupt das Übersetzen, wie geschieht
es, und natürlich für uns ist sehr wichtig, warum?
Es gibt verschiedene Definitionen, die aber alle auf einen Zuknüpfungspunkt
verweisen, dass eine gewisse Information in einer gewissen Sprache
durch die Mittel einer anderen Sprache wiedergegeben wird. Anders
gesagt, wie Werner Koller es definiert, "beim Übersetzen
wird das, was in einem Originaltext steht, mit den lexikalischen,
syntaktischen und stilistischen Mitteln einer anderen Sprache
wiedergegeben und zwar von einer Person, von der wir annehmen,
dass er den Ausgangstext mindestens so gut wie der muttersprachliche
Leser versteht..."
Im ersten Augenblick scheint das ganz einfach zu sein: ein
gewisser Gedanke wird durch Wörter einer Sprache zum Ausdruck
gebracht und man könne ihn mit den entsprechenden Wörtern
der anderen Sprache wiedergeben. Aber sehr oft haben wir Fälle,
wo die Wörter überhaupt keine Bedeutung tragen, der
ganze Inhalt in die Form gesteckt ist, oder die entsprechenden
Wörter gefunden werden, aber der Hauptgedanke des Ausgangstextes
im Zieltext fehlt. Dann muss man diese Definition erweitern,
zum Beispiel wie es Helmut Scheffel macht: "Voraussetzungen
für die Arbeit des Übersetzens ist allerdings, dass
der Übersetzer die fremde Sprache, aus der er übersetzt,
sehr genau kennt und nicht nur die Sprache, sondern auch die
fremde Kultur, das Land..."
So kann man nach dieser Definition behaupten, dass die Übersetzung
nicht nur ein intersprachlicher Prozess, sondern vielmehr interkultureller
Prozess, d.h. ein interkulturelles Kommunikationsmittel ist.
Unter interkultureller Kommunikation als ein Prozess versteht
man den ganzen Ablauf all dessen, wenn Personen unterschiedlicher
Kulturzugehörigkeiten miteinander umgehen. Auch wenn persönlich
Interaktionen zwischen Angehörigen gegenwärtiger Kulturen
nach wie vor im Vordergrund des Interesses stehen, verbreitet
sich zunehmend die Einsicht, dass auch die Interpretation von
Texten und anderen Hinterlassenschaften aus früheren Epochen
(der eigenen Kultur oder fremder Kulturen) interkulturelle Kommunikation
darstellt oder vermittelt. Dabei ist die Übersetzung das
wichtigste Mittel, wodurch diese interkulturellen Kommunikationen
verwirklicht werden können.
Auf diese Weise kommen wir wieder auf das Stichwort "Kultur",
über das im Rahmen dieser Tagung auch viel diskutiert wurde.
Wie auch gestern ersichtlich wurde, der Begriff "Kultur"
könne auf verschiedenen Abstraktionsebenen angesiedelt sein,
wie zum Beispiel Menschheitskultur, orientalische oder westliche
Kultur, nationale Kultur usw. Die Kulturbereiche, Kulturebenen
oder Kulturprozesse vollziehen sich innerhalb eines hinlänglich
bestimmten geographischen Raums, aber - als Transferprozesse
- zwischen verschiedenen geographischen Räumen (Hermann
Krapoth). Und die Übersetzung als interkultureller Prozess
macht diese räumliche Erscheinung zugänglich und vertraut
auch für die anderen Räume, aber nicht mit der Absicht,
sie zu "hybridisieren", sondern sie zu bereichern und
sich weiter entfalten zu lassen. Beispiele: der Einfluss der
Gedichte vom aserbaidschanischen Dichter Nizami Gandschavi und
dem persischen Dichter Hafiz Schirazi auf das Schaffen von Goethe,
nämlich auf den West-östlichen Divan oder Faust's Einfluss
auf das Schaffen des aserbaidschanischen Dichters Husseyn Cavid
oder der Einfluss der Romane von Hesse und Kafka auf die aserbaidschanische
Gegenwartsliteratur.
Es ist kein Zufall, dass in der letzten Zeit die Übersetzung
in meisten den Übersetzungswissenschaften als kulturelle
Transferhandlung definiert wird und die Rolle des Translators
als eines Kulturvermittlers. Dabei wird als letztliches Ziel
translatorischen Handelns die Übersetzung von Kulturbarrieren
zu bestimmtem Zweck postuliert. Sprachbarrieren lassen sich dann
als Sonderorte von Kulturbarrieren beschreiben. Sehr oft wird
bei den Analysen der Übersetzungen von diesem oder jenem
Missverständnis, Interferenzen gesprochen. Ausgenommen manche
Fälle sind fast alle Wörter beim Übersetzungsprozess
ersetzbar. Was verursacht dann dieses Missverständnis? Natürlich
die spezifischen Kulturelemente im allgemeinen, die sich hinter
diesen Wörtern verstecken und den Hauptgedanken der Ausrede
leiten (Beispiele aus dem Aserbaidschanischen: ein Gedicht von
Sabir oder die Begriffe "die dunklen Könige",
Osternhase, Weihnachtsmann).
POLYLOGE I - Wir brauchen eine
neue Synthese im Denken über Denken, Sprache und Kultur
POLYLOGUES I - Towards a New Synthesis in Thinking about Thinking,
Language and Culture |