Ina-Maria Greverus
Der hybride Mensch und die Kultur
der Collage
Brückenschlag
Collage und Bricolage, Hybridisierung/Hybridität, Kreolisierung
und Synkretismus gehören zu den Begriffen, die in der gegenwärtigen
anthropologischen Diskussion eine erhöhte Aufmerksamkeit
und - bei den Insidern der transkulturellen Forschung - eine
positiv besetzte Bedeutungserhöhung gefunden haben. Allen
Begriffen gemeinsam ist die dahinter stehende Idee der Vermischung.
Was für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts als "schlechter
Ruf" anthropologischer Akkulturationsstudien galt - kreolische
Kulturen gehörten nicht zu den Träumen der Anthropologen
-, gilt nicht mehr für die Träume vieler heutiger Anthropologen.
Die Collage wird als ein schöpferischer Prozeß kultureller
Transformationen gesehen. Auch die Wiener Denk-Werkstatt hatte
über Tagungen zum Thema "Überlappende Teilkulturen
und Mehrfachidentitäten" in den 90er Jahren den Gedanken
der kulturellen und individuellen Grenzüberschreitung zum
kulturell Anderen und den damit einhergehenden Prozeß der
Hybridisierung eingebracht.
Diese Tagung nun soll die Grenzüberschreitung zu einem
Brückenschlag zwischen Natur- und Kulturwissenschaften erweitern.
Die Rolle der Kulturwissenschaften
Noch in den 50er Jahren konnte Claude Lévi-Strauss
das anthropologische Studium in seiner dreifachen Beziehung zu
den Sozial-, Kultur- und Naturwissenschaften thematisieren und
in seinen Forderungskatalog für ein anthropologisches Laboratorium
einbringen. Die anthropologischen Fakultäten sind in Europa
allerdings nur ein hybrider Traum geblieben, der auch von Gegenströmungen
betroffen war. So wurde in den 60/70er Jahren in der ethnographischen
Szene Deutschlands die Beschäftigung mit einer Anthropologie
(die an unseren Universitäten tatsächlich nur als philosophische
Anthropologie und als physische Anthropologie vertreten war)
als ahistorisch, zumeist im Sinne des historischen Materialismus,
pauschalisiert. Zudem war die nationalsozialistische Rassenforschung
der physischen Anthropologie noch zu nahe. Gleichzeitig waren
die USA zu negativ besetzt, als daß man sich mit Boas',
Meads und Benedicts kulturpluralistischem Ansatz hätte identifizieren
wollen. In Europa blieben die ethnowissenschaftlichen und anthropologischen
Teilkulturen bestehen, ohne sich zu überlappen oder fruchtbare
Collagen zu bilden. Der Effizienz- und Globalisierungsdruck der
Jahrhundertwende, der gleichzeitig mit einer erneuten "Naturalisierung"
der menschlichen Möglichkeiten (es sei hier nur auf die
Genforschung verwiesen) und einer neuen "Virtualisierung"
der menschlichen Möglichkeiten im Medienraum verbunden ist,
führt zu einem neuerlichen kulturwissenschaftlichen Trend
von generalsierenden Aussagen über d e n Menschen. Damit
geraten die Kulturwissenschaften, unter ihnen die Kultur-und
Sozialanthropologien, mit ihrem empirisch erworbenen und zu erwerbenden
Sonderwissen über die Verschiedenheit der Kulturen in eine
Dinosaurier-Position hinsichtlich der Machbarkeitsstudien. Die
Uni Frankfurt wurde als erste deutsche Universität von McKinsey
und einer Arbeitsgruppe auf ihre Effizienz und ihr Image untersucht.
Natürlich schnitt sie "wenig attraktiv" ab, wobei
die Sozial- und Kulturwissenschaften zumeist gar nicht in den
Erhebungen auftauchen. In der strategischen Positionierung werden
sie schließlich kurzerhand unter dem Dach " Gesellschafts-
und Kulturwissenschaften" zusammengefaßt und bekommen
acht Säulen, nach denen sich alle Disziplinen auszurichten
haben. Das beginnt mit den Wissenskulturen und endet mit der
"School of Education", dazwischen Globalisierung, Demokratieforschung,
Bürgergesellschaft, Kognition. Neben diesen eindringlichen
Schlagworten nehmen sich die Säulen "Vergangene Welten"
und "Sprache, Kultur, Medien und Kommunikation" wie
das Auffangbecken für die nicht mehr so benötigten
geisteswissenschaftlichen Fächer aus. Für die Säule
Kognition (kommen die anderen Säulen ohne Kognition aus?)
wird ausdrücklich auf das Institut für Hirnforschung
verwiesen. Naturwissenschaftliche Kognitionsforschung wird wieder
kulturwissenschaftlich gewichtig, ohne daß von dort eine
eigenständige sozial- und kulturwissenschaftliche Gewichtung
impliziert zu sein scheint. Das stimmt mich hinsichtlich dem
beidseitig selbstbewußten und collagierenden Brückenschlag
zwischen Natur- und Kulturwissenschaften zunächst skeptisch.
Noch skeptischer vielleicht für die geplante gesellschaftliche
Rolle der Sozial- und Kulturwissenschaften stimmt mich der neue
Finanzierungs- und Praxisbezug: "Praxisnahe Forschung und
Lehre bieten ideale Anknüpfungspunkte für gemeinsame
Projekte mit der Wirtschaft", heißt es da.
Widerständigkeit?
Zentral für meine Skepsis wird eine offensichtlich verlorene
Position des in der gegenwärtigen Wissenslandschaft so vehement
vertretenen Wissenstranfers, nämlich die widerständige,
die gesellschaftskritische, die immer wieder von einem - allerdings
kleinen - Kreis der "Kulturarbeiter", seien es Wissenschaftler
oder Künstler, ausging. Zu ihnen gehörten die Surrealisten,
denen sich mein Collagebegriff dankt.
"Collage-Technik ist die systematische Ausbeutung des
zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens
von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich
dafür ungeeigneten Ebene - und der Funke Poesie, welcher
bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt",
heißt es bei Max Ernst. Dessen Interpret Max Spies verweist
auf die "Aggressivität gegenüber dem Schein ,lebendiger
Harmonie`" und bezieht sich damit vor allem auf die Kritik
an der Selbstgewißheit des angepaßten Bürgers.
Die Collage ist zunächst De-Collage und Ironisierung, insbesondere
auch einer heilen bürgerlichen Welt. Der Mensch wird in
seine verdrängten Bestandteile seziert, fragmentiert. Und
die malenden Surrealisten haben sich zu diesem Zweck neben der
ethnographischen Juxtaposition auch einer aus den Naturwissenschaften
gelösten Verfremdung anatomischer Details bedient. Auch
die führende französische Surrealisten-Zeitschrift
"Documents" arbeitete mit der ironischen Collage der
Gegenüberstellung, der Destruktion und Verfremdung ideologischer
Ganzheiten. In der Anthropologie wird in Anknüpfung daran
auf das provokative Moment der Infragestellung und Relativierung
von kultureller Homogenität verwiesen. Kreolische Kulturen
sind nicht mehr der Schrecken des Anthropologen; sondern vielmehr
bevorzugtes Erkenntnisziel und gewinnen als "gekonnte Collagen",
die der De-Collage des homogenen Scheins folgen, utopische Funktion.
Der Mensch auf der Grenze
Ich möchte hier den Randseiter als Menschen auf der Grenze
hinsichtlich seines innovativen und kritischen kulturellen Potentials
einbeziehen. Das Konzept des Fremden, des Randseiters oder marginal
man wurde für die Sozial-und Kulturanthropologie insbesondere
durch Robert Ezra Parks Beiträge seit den 10er Jahren des
20. Jahrhunderts bekannt. Der Kultursoziologe Park, Begründer
der Chicago School und einer sozial-und kulturwissenschaftlichen
Stadtforschung mit dem Ausgangspunkt Chicago, war auch Schüler
von Georg Simmel, der mit Berlin im Hintergrund ein soziologisches
Konzept des Fremden entwickelte. Parks Bild vom marginal man
ging von seinen Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit einem anderen
Mentor, dem Bürgerrechtler Booker T. Washington, der ein
Mulatte war, aus. Aus dieser Zeit stammt der frühe Entwurf
"The Marginal Man; a Study of the Mulatto Mind", der
1931 in einer Veröffentlichung "The Mentality of Racial
Hybrids" aufgegriffen wurde. Das Konzept war allerdings
bereits früher zu einem "Cultural Hybrid"-Konzept
erweitert worden, bei dem Park sich an dem emanzipierten Juden
als Migranten orientierte. Er wurde zum Prototyp des Menschen
auf der Grenze, des Migranten, der, zwischen zwei (oder mehr)
wesensfremden Realitäten (wir sagen nun Kulturen) sich findet.
Aufgrund der mehrfachen Kultursituation verliert er die Selbstgewißheit
des sozial und kulturell Bodenständigen und wird dadurch
für Park zum "Individuum mit dem weiteren Horizont,
dem schärferen Intellekt, dem unvoreingenommenen und rationalen
Standpunkt". Allerdings verweist auch schon Park auf die
Krisenanfälligkeit des Lebens in einem Zwischenraum und
die notwendig werdende psychische Verarbeitung. Seit Parks Gedanken
haben wir eine Fülle von Untersuchungen und weiteren Statements
und politischen und kriegerischen Handlungen, die sich mit der
Vermischung oder Reinerhaltung von Kulturen, dem innovativen
oder zerstörerischen Potential von kulturellen ( und nationalen)
Vermischungen beschäftigen.
Nach der kulturwissenschaftlichen Abstinenz von "Natur"
im menschlichen Verhalten, ist nunmehr auch wieder eine Sozialbiologie
im Vormarsch, die sich mit der genetisch bedingten Anziehungskraft
von Fremdem und Eignem im Geschlechterverhalten beschäftigt.
Kommt auch die Frage nach dem "rassisch Hybriden",
nach seinem "anderen" Intellekt wieder?
Hybridisierung, Gegenbewegungen und Macht
Als Kulturanthropologin, und nur als solche, kann ich von
Park ausgehend hier meine Möglichkeiten und meine interdisziplinären
Fragen entwickeln.
- Die anfängliche Beschäftigung von Park mit dem
Mischling oder Hybriden geht von einer biologischen (rassischen)
Andersheit aus, die
- zu einem besonderen Intellekt oder zu einem besonderen Kreativitätspotential
führt.
- Dieses Konzept wurde zugunsten des "kulturell Hybriden"
revidiert, wobei das soziale und kulturelle Scheitern des Randseiters
bei Park nicht thematisiert wurde.
- Die sozialen Figurationen, in denen der Hybride lebt und
gelebt hatte, haben ihre Selbstverständlichkeiten verloren
- das macht ihn zum kritisch denkenden Menschen, der
- gleichzeitig fähig ist (hier beginnt meine Collage-Interpretation),
aus seiner kulturellen Zwischenwelt scheinbar unvereinbarer Realitäten,
eine "gekonnte Collage" zu entwickeln.
- Der Verlust der sozialen und kultureller Selbstverständlichkeiten
kann aber auch zu einer passiven Anpassung an die herrschende
Gesellschaft, oder
- einem Leiden an der Welt und/oder Gewaltbereitschaft führen.
- Eine wichtige Frage ist, ob das Konzept der individuellen
Hybridisierung auch auf eine kollektiv wirksam werdende Hybridisierung
zu übertragen ist, bei der die obigen Punkte als handlungsleitend
für Kollektive gelten
Die Punkte 1. und 2. könnte nur eine naturwissenschaftliche
Forschung beantworten. Dann - oder davor - kommen die, auch interdisziplinär,
sozial- und kulturanthropologisch durchgeführten, durchzuführenden
Recherchen zu dem kulturell Hybriden und seinen Fähigkeiten
in einer sich einerseits immer mehr mobilisierenden, globalisierenden
und transnationalisierenden Welt, die andererseits den Anderen,
den Hybriden, den Kritischen aus sowohl nationalen als auch transnationalen
(häufig religiösen) Reinheitskonzepten wieder ausschließt,
sein Grenzgängertum und sein Collage-Denken nicht zuläßt.
Wir könnten versuchen, die Kriege in Ex-Jugoslawien und
zwischen den USA und Afghanistan unter dieser Perspektive zu
interpretieren. Historisch erreichte kollektive Hybridisierung
weicht erneut einer Wir-Ideologie, die eine Collage aus Fremdem
und Eigenen ausschließt oder sie zu nur Eigenem uminterpretiert.
Mühlmann hatte für nativistische Bewegungen von einer
Umstiftung fremder Figuren, Symbole und Motive zu eigenen gesprochen.
Mit diesen von ihm gemeinten kollektiven revolutionären
Aneignungen gerade auch der Symbole der Kolonisatoren ist die
Übernahme von Macht verbunden. Haiti ist für mich ein
Musterbeispiel von Prozessen kollektiver Collage aus Fremdem
und Eigenem. In der kolonialen Sklavenhaltergesellschaft bildete
sich das Kreolische (mit Vermischungen aus afrikanischen Formen,
dem Spanischen, Französischen und auch Indianischen) nicht
nur als Sprache, sondern überhaupt als Kulturgestaltung
heraus. Die religiöse Collage des Voudou wurde schließlich
zum Symbol des Sklavenaufstands von 1791, der zu Gründung
der ersten schwarzen Republik führte. Doch die Macht ging
sehr schnell in die Hände der Mulatten über, und noch
heute wird diese Macht einer mulattischen Elite auch durch die
Häufung "weißer" Kapitalsorten demonstriert.
Zentral ist dabei die französische Bildung, möglichst
in Paris, neuerdings auch wieder mit einem Blick auf die eigene
kreolische Kultur. Sind die zwischen den Kulturen Vermittelnden,
hier wieder die rassisch Hybriden in Parks Sinn, sind sie gleichzeitig
die kulturell Hybriden? Woher kommt ihr Status einer mulattischen
haitianischen Avantgarde, die Fremdes mit Eigenem verbindet?
Ich vertrete hier die These einer Bildungselite, die aufgrund
ihres hybriden Status, ihrer Grenzsituation, aus entweder eigenen
Bemühungen oder der Bemühungen ihrer "Verantwortlichen"
Zugang zu der als "höher und/oder mächtiger"
eingestuften Kultur gewannen. Allerdings, weder zu der einen
noch zu der anderen Kultur gehörend, konnten sie nicht in
deren eingrenzender und ausgrenzender Selbstverständlichkeit
leben, sondern mußten neue Muster, eben Collagen, entwerfen.
Ein weiteres, weit entferntes, Beispiel, sollen hier die australischen
Aborigines sein. Ihrer Vernichtung durch die Kolonisatoren stand
eine Sexualpraxis gegenüber, die genau zu der Geburt eines
neuen Grenzgängertums von Hybriden führte. Diese Situation
wurde durch die "missionarische" Zwangsentfernung dieser
Kinder von ihren schwarzen Müttern verstärkt. Sie wurden
"weiß" geschult. Sicher sind viele daran gescheitert,
aber auffällig ist gleichzeitig die führende Rolle
dieser "Mischlinge" und ihrer Nachfahren in der politischen
und kulturellen Arbeit für eine Gleichberechtigung der indigenen
Bevölkerung, einschließlich ihrer sich als Aborigines
bekennenden Hybriden, mit einem nicht zu übersehenden Imperativ
zur Hybridisierung und einer Kultur der Collage, die dem "going
overprotective" der westlichen Beschützer von "reinen"
traditionellen Kulturen, inclusive Ethnologen, widerspricht.
Ich zitiere den westlich erzogenen australisch-indigenen Künstler
Gordon Bennett der die "Bilder als Orte historischer Bedeutung
herausgelöst und neu zusammengesetzt" sehen will, "um
neue Begegnungen und Möglichkeiten zu schaffen".
Für eine Kultur der Collage
Prinzip Collage. Zugegeben, die gegenwärtige Situation
stimmt nicht gerade zuversichtlich hinsichtlich der Poesie des
überspringenden Funkens zwischen den sich fremden Realitäten,
die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Wenn ich trotzdem
für einen "think-tank" und darüber hinaus
für ein empirisches interdisziplinäres Forschungsfeld
und einen sich daraus ergebenden Praxisbezug einer Hybridisierung
und einer Kultur der Collage plädiere, hat das eine Hoffnungsfunktion.
Die Hybridisierung findet um unser aller Ecke statt. Meine Ecke
ist einerseits meine Wohnsituation in einem zwischen Loftaneignung
und Einzimmer-Hochhauswohnung sich bewegenden ökonomischen
Mischviertel Frankfurts mit einer multikulturellen Bevölkerung,
die nur im japanisch-amerikanisch-schweizerischen Bereich der
wirtschaftlichen Transaktionen "transnational" arbeitet,
flexibel, aber sich nicht "auf der Grenze" zwischen
Kulturen bewegt. Andererseits ist da die Mehrzahl der ehemaligen
Gastarbeiter, zumeist aus dem Süden Europas, die sich entweder
über Dienstleistungsberufe etabliert haben, noch im industriellen
Sektor arbeiten oder arbeitslos sind, meist nicht an kulturellen
Collagen jenseits von gastronomischen Notwendigkeiten orientiert,
eher sind das ihre Kinder, die bei uns ausgebildet werden. Dann
gibt es da die neuen Migranten, meist weder von der Familie noch
von anerkannten "Heimatgruppen" unterstützte Polit-
und Wirtschaftsflüchtlinge, vor allem aus den ehemaligen
kommunistischen Ländern, die schon sehr viel Selbstbewußtsein
brauchen, selbst wenn sie Intellektuelle sind, um sich über
den "Tellerwäscherstatus" zum Individuum mit dem
weiteren Horizont zu entwickeln oder gar zu gesellschaftlichen
Collagen zugelassen zu werden. Das waren Gedanken aus meiner
Ecke Wohnen.
Die Gedanken aus meiner Ecke Arbeiten kommen vor allem aus
der Universität. Dort studieren die Kinder der Gastarbeiter
von nebenan, sie sind mehrsprachig und mehrkulturell und ihren
Status "auf der Grenze" merkt man oft erst an einem
gegenüber der deutschen Studentenkultur auffallenden größerem
Bildungsinteresse.
Wenn meine These stimmt, daß der "kulturell Hybride"
nicht "von Natur aus", sondern aufgrund einer vertiefteren
Erfahrungs- und Bildungsanregung zur Akzeptanz und aktiven Aneignung
des Anderen in kulturellen Collagen tendiert, dann hat das auch
für die Bildungsarbeit einen hohen Stellenwert. Bereits
in den Kindergärten, Schulen, Universitäten und an
den Arbeitsplätzen (nicht nur dort wo der flexibel-angepaßte
Wirtschaftsmanager ausgebildet wird) müßte das Leben
in einer Kultur der Collage trainiert und belohnt werden. Das
bedeutet also nicht das festliche multikulturelle Nebeneinander
der Kulturen. Und ich meine damit auch nicht den Sprachkolonialismus,
sondern Mehrsprachigkeit, nicht den Religionsfundamentalismus,
sondern erarbeitete Synkretismen, nicht das Generationenmobbing,
sondern Intergenerationenarbeit in der Gesellschaft, nicht einseitige
Geschlechterdominanz, sondern die Hybridisierung der männlichen
und weiblichen Fähigkeiten, nicht das Angebot herrschender,
homogener Lebensstile (einschließlich des Wohnstils) für
alle über die Medien, sondern die Fähigkeiten zu "stilvollen"
sozialen und individuellen Collagen. Ich könnte so fortfahren
und Sie hören, daß meine Gedanken zu einer Kulturarbeit
Collage immer mit dem dialogischen Prinzip und realen sozialen
Interaktionen zu tun hat. Unsere neue Medienkultur dagegen führt
den Einzelnen schon als Kind in eine virtuelle soziale Situation,
in die er per Mouseclick eingreifen kann. Die Belohnung wird
allerdings selten für die Kreation kultureller Collagen
ausgesprochen, bei der keiner verliert, sondern für die
Geschicklichkeit im Sieg über den Anderen, der natürlich
als Böser, als Feind, stilisiert wird, oder für die
Geschicklichkeit, die Guten so lange wie möglich zu retten,
ehe sie endgültig einem Unfall zum Opfer fallen. Die Medien,
vom Spiel bis zum Ernst, vermitteln eine aggressive Welt. Vor
langer Zeit hatte Alexander Mitscherlich der zerstörerischen
Aggression eine "gekonnte Aggressivität" gegenübergestellt,
die sich in aktiver, gemeinsamer Gestaltung eines Neuen ausdrücken
kann; ich habe immer wieder, und das im Zusammenhang mit De-Collage
und Collage, für die individuelle Beteiligung an der Schaffung
immer neuer Satisfaktionsräume plädiert. Der Verhaltensforscher
Robert Ardrey hatte im Bezug auf die Zentrums-Peripherie-Situation
im territorialen Verhalten von einer "fröhlichen Peripherie"
gesprochen, die Aktivität und Stimulation gewährt.
Könnten die Hybriden, die "Menschen auf der Grenze",
die Zentrumsmenschen stimulierten, sich der fröhlichen,
weil bunteren, vermischteren Peripherie zuzuwenden?
Gedanken aus dem "think-tank" zu einer Kultur der
Collage. Natürlich müßte sich der "think-tank"
zu einem "make-tank" weiterentwickeln können.
Das bedarf der Zeit und der Zusammenarbeit nicht nur zwischen
den wissenschaftlichen Disziplinen, sondern auch mit den anderen
Machern von Kultur und vor allem den sogenannten hybriden Randseitern,
die vorläufig noch kaum zu einer Kulturarbeit Collage zugelassen
sind. Aber haben wir in unserer Effizienzgesellschaft die dafür
notwendigen drei großen Z noch: Zeit, Zwischenmenschlichkeit
und Zusammenarbeit? Dann kommt dazu das große G - Geld,
das selten aus dem Zentrum "ernster" wirtschaftlicher
Effizienz-Gedanken in die Peripherie der langfristig gedachten
sozialen und kulturellen Fröhlichkeit fließt.
PS. Vgl. zu den hier angeschnittenen Gedanken
mein Buch "ANTHROPOLOGISCH REISEN", Münster, Hamburg.
Berlin, London, LIT Verlag, 2002.
POLYLOGE I - Wir brauchen eine
neue Synthese im Denken über Denken, Sprache und Kultur
POLYLOGUES I - Towards a New Synthesis in Thinking about Thinking,
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