Anette Horn (Kapstadt)
In Metaphern denken: unerwartete
Verknüpfungen
Metaphern, Bilder sind, so Paul Celan, "Das einmal, das
wieder einmal und nur jetzt und nur hier Wahrgenommene und Wahrzunehmende.
Und das Gedicht wäre somit der Ort, wo alle Tropen und Metaphern
ad absurdum geführt werden wollen."(1)
Wenn Ulrich im Mann ohne Eigenschaften das Schöpferische
und Neue an Gott in Worte fassen will, dann stellt er ihn dar
wie einen Menschen, der angesichts des Unerwarteten, das er denkt,
ins Stammeln gerät: "Gott meint die Welt keineswegs wörtlich; sie ist ein Bild, eine Analogie,
eine Redewendung, deren er sich aus irgendwelchen Gründen
bedienen muß, und natürlich immer unzureichend".(2) Der schöpferische Funke der Metapher
entsteht nicht durch die Präsentation zweier Bilder, d.h.
zweier Signifikanten, die gleichermaßen realisiert werden,
sondern durch die Ellipse eines Ausdrucks, für
den ein anderer substituiert wird .(3) Je
"kühner" die Metapher, je stärker sie "Gewohntes"
in einen ungewohnten Zusammenhang bringt, desto geringer die
Gefahr einer Verwechslung mit dem, was wir schon kennen, desto
schwieriger aber auch die Verständigung über das Erlebte.
Derjenige, der aus irgendeinem Grund das Netz der Zeichen
durchstößt, der jenes "Glühen" wieder
entdeckt, das jedem ersten Mal eigen ist, macht dann die Erfahrung,
daß sich das, was das "Eigentliche" des Erlebnisses
ist, nicht in die Welt der Kommunikation, der Sprache zurückbringen
läßt, weil Sprache selbst immer schon die Konvention
ist, mit der wir uns gegen "Erfahrungen" absichern,
weil Sprache selbst Konvention ist. "Seele" ist eben
jener Raum des Unbewußten, aus dem die "sprachlosen"
und "sprachunfähigen" Erfahrungen kommen. Sie
ist für Musil 'ein großes Loch', eine Leere, eine
konkave Dimension, konfus und dunkel, die jeder Definition widerstrebt.
Die fließende Logik der Seele zwingt den Schriftsteller
zur Aufstellung von Ähnlichkeitsbeziehungen, zur Anwendung
einer Metapher, des Gleichnisses, zum uneigentlichen Wortgebrauch,
um auf das hinzudeuten, was direkt nicht darzustellen ist; sie
zwingt ihn zur Periphrase, zur Umschreibung. Um diese Wirklichkeit
aus der Erstarrung der Gewohnheitssprache herauszulösen,
muß der Schriftsteller rhetorische Bilder und
Figuren als Zeichen im technischen Sinne des Wortes verwenden,
als Zeichen, die nicht irgendetwas besagen, sondern etwas anderes,
etwas, das sie direkt nicht sagen können.(4)
Das Eigenartige der Kunst - was sie sowohl von den Symbolfolgen
des Traums und den Zeichenfolgen des rationalen Diskurses des
Alltags und der Wissenschaft unterscheidet - ist, daß sie
sich an etwas erinnert, was sonst nur in der Traumlogik "wirr"
präsent ist, daß sie aber kein Traum ist, dessen Symbolfolgen
nicht einmal vorgeben, einer logischen Abfolge unterworfen zu
sein. Dichterische Sprache "simuliert" den rationalen
Diskurs der "Erzählung", der vorgibt, ein Wirkliches
wiederzugeben, so wie es war. Aber sie signalisiert auch, deutlicher
als die Sprache des Alltags und der Wissenschaft, daß sie
"simuliert", und sie erinnert sich daran, daß
sie ein Prozeß ist, sie nimmt ihr Entstehen in den Diskurs
selbst mit hinein. Der "Stilbruch" ist der Augenblick
des Erinnerns, den der Diskurs des Alltags und der Wissenschaft
unterdrückt: an den Augenblick der Geburt des Wissens, der
Geburt der Wissenschaft.
Wissen ist nichts anderes als die Kristallisation der symbolischen
Aktivität, aber jedes Wissen muß diesen Augenblick
sofort wieder vergessen, sobald die Struktur der Symbole, in
der Wissen sich ausdrückt, geschaffen ist. Dieser Augenblick
des "entstehenden" Wissens kann sich nur in einer Sprache
ausdrücken, die es noch nicht gibt: weil das Wissen, das
es bereits "gibt", immer mit diesem "Fehler"
seiner Vergeßlichkeit behaftet ist. Es konstituierte sich
als Wissen in einer Trope: und behauptet nun nicht "tropisch"
zu sein. Die Metapher aber hat "ihren Platz genau da, wo Sinn im Un-Sinn entsteht."(5)
Und an dieser Stelle müssen wir genau hinhören, wenn
wir "verstehen" wollen, denn wir haben "weder
ein drittes noch ein viertes Ohr, die man sich
für ein unmittelbare Hören von Unbewußtem zu
Unbewußtem wünschen mag."(6)
Die Metapher und ihre Analyse ist unser einziger Zugang zu jenem
Bereich, der für alles Wissen, nicht nur das Wissen des
Menschen über sich selbst grundlegend ist. Nur in der Metapher
wird hörbar, was sowohl die Rede der wissenschaftlichen
Ratio als auch die Rede des Alltags verschweigt.
Nietzsche zufolge beruht die Sprache auf der analogischen
Denkweise. Das heißt, daß der Mensch Eigenschaften,
die er zu besitzen glaubt (z.B. den Atem, das Leben usw.), auf
andere Dinge überträgt. Danach verwischt er die unlogische
Übertragung und ist überzeugt, daß die anderen
Dinge diese Eigenschaften tatsächlich besäßen.
Nietzsche führt das anhand des Begriffs des "Seins"
aus:
Den Begriff des Seins! Als ob der nicht den ärmlichsten
empirischen Ursprung bereits in der Etymologie des Wortes aufzeigte!
Denn esse heißt ja im Grunde nur 'athmen': wenn es der
Mensch von allen anderen Dingen gebraucht, so überträgt
er die Überzeugung, daß er selbst athmet und lebt,
durch eine Metapher, das heißt durch etwas Unlogisches,
auf die anderen Dinge und begreift ihre Existenz als ein Athmen
nach menschlicher Analogie. Nun verwischt sich bald die originale
Bedeutung des Wortes: es bleibt aber immer so viel übrig,
daß der Mensch sich das Dasein andrer Dinge nach Analogie
des eignen Daseins, also anthropomorphisch, und jedenfalls durch
eine unlogische Übertragung, vorstellt. (PTZG 11)
In einem Abschnitt über das Genie macht Platner die Geschwindigkeit
und Leichtigkeit der Assoziation und Kombination
als Kennzeichen des Genies aus. Dazu zählt er auch die Gabe,
Bilder der Phantasie mit Wörtern zu verbinden, womit er
die Metaphernproduktion umschreibt.(7) Auch seltene Zusammensetzungen von Ideen zeichnen
das Genie aus.(8) Schließlich
widmet er sich dem Witz, den er typisch für die Zeit, als
"Bemerkung verborgener und entfernter Aehnlichkeiten"
definiert.(9) Hier macht er 3 Arten dingfest:
"(1) Durch Gegeneinanderstellung des Aehnlichen und des
Gegenbildes. Dies ist, wenn jenes lebhaft vorgestellt wird, ein
Gleichnis, wird es nur obenhin angezeigt, eine Vergleichung.
(2) Durch Vorstellung eines Bildes mit Weglassung des Abgebildeten.
Ist das Bild wirklich ein Gegenstand des Gesichts, so ist es
Allegorie, ist das Bild eine Erzählung, so heißt es
Fabel, ist es ein Ausdruck, so nennt man es Metapher, oder wenn
die Aehnlichkeit scherzhaft ist, ein bon mot. (3) Durch scherzhafte
oder ernsthafte Vergleichung kleiner Sachen
mit großen, entweder in wirklichen Vergleichungen, oder
in großen feyerlichen Vorbereitungen, welche die folgenden
Ideen vergrößern."(10) Dies
stimmt im Wesentlichen mit Jean Pauls Definition des des Gleichnisses,
der Allegorie und des witzigen Vergleiches überein.
Obwohl sich Jean Paul der Unvorhersehbarkeit der Assoziationen
bewußt war, als er schrieb, daß nicht er selbst dachte,
wenn er seine Ideen- und Metaphernketten erfand, sondern etwas
in ihm -- er scheint dieses etwas der Sprache zuzuschreiben --,
versuchte er sie dennoch bewußt einzusetzen, wofür
seine Exzerptenhefte, Beweis einer schier unstillbaren Lesegier,
und seine Register, mit deren Hilfe er sich im Labyrinth seines
Universalwissens zurechtfand, bürgen, allerdings unter höchst
eigenwilligen Gesichtspunkten geordnet, die seine philosophisch-poetischen
Interessen verraten, und die ihm gleichzeitig als Auslöser
seiner Assoziationen dienten, durch die er die disparaten Bruchstücke
seines Wissens miteinander verknüpft hat.
Wie lernt man denken? In der Levana schreibt Jean Paul:
Nach der strengen Notfrist und Lehrstunde der Mathematik folgt
am besten die Freilassung durch den Sanskulottentag und die Spielstunde
des Witzes; und wenn jene, wie der Neptunist, nur kalt und langsam
bildet, so dieser, wie der Vulkanist, schnell und feurig. Indes
durchschweift auch der Witz-Blick lange, obwohl dunklere Reihen
der Vorbildungkraft, um zu schaffen. - [...] Jede
Erfindung ist anfangs ein Einfall - aus diesem hüpfenden
Punkte (pointe) entwickelt sich eine schreitende Leben-Gestalt.
Der Bildungtrieb paart und verdreifältigt; eine witzige
Idee hilft wie die neugeborne Diana der Mutter zur Entbindung
ihres Zwilling-Bruders Apollos. (11)
Es gibt synchronistische und successive Associationen, Associationen
vom Teil aufs Ganze, durch den Namen u.s.w. (l.c. S. 14 ff.).
Durch Association entstehen zusammengesetzte Ideen und Vorstellungsreihen
(trains) (l.c. S. 18). Wulf Köpke [...] bestimmt
den Einfluß Hartleys auf Jean Paul näher: "Vorstellungen, innere Assoziationen, etwa im Sinne
von Hartley, werden ´Bilder´, im sowohl ästhetischen
wie psychologischen Sinne.".(12)
Ich gewöhnte meinem Gustav an, die Ähnlichkeiten
aus entlegnen Wissenschaften anzuhören, zu verstehen und
dadurch - selber zu erfinden. Z. B. alles Große oder Wichtige
bewegt sich langsam - also gehen gar nicht: die orientalischen
Fürsten - der Dalai Lama - die Sonne - der Seekrabben; weise
Griechen gingen (nach Winckelmann) langsam, ferner geht langsam
das Stundenrad, der Ozean, die Wolken bei schönem
Wetter. - [...] Es ist unbeschreiblich, welche Gelenkigkeit aller
Ideen dadurch in die Kinderköpfe kömmt. Freilich müssen
die Kenntnisse schon vorher da sein, die man mischen will.(13)
Michel Foucault zitiert im Vorwort zu 'Die Ordnung der Dinge'
einen Text von Borges, eine "gewisse chinesische Enzyklopädie",
in der es heißt, daß
die Tiere sich wie folgt gruppieren: a) Tiere, die dem Kaiser
gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g)
herrenlose Hunde, h) in diese Gruppe gehörige, i)die sich
wie Tolle gebärden, k) die mit einem ganz feinen Pinsel
aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug
zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen.(14)
Wer hindert mich daran, eine Sprache zu denken, in der es
das Wort "Hund" nicht gibt, in der sich die "Vierbeiner"
gleich in "Boxer", "Dackel" und "Afghanen"
unterteilen, auf einer Ebene mit "Siamesen", "Leoparden"
und "Afrikanischen Elephanten", d.h. was in der Realität
zwingt mich dazu, einen "Dackel", der einem "Boxer"
nicht ähnlicher sieht, als dieser einem "Wolf"
oder einem "Fuchs" unter einem Namen "Hund"
zusammenzufassen. Wenn Foucault die obige Aufzählung so
kommentiert: "Bei dem Erstaunen über diese Taxinomie
erreicht man mit einem Sprung, was in dieser
Aufzählung uns als der exotische Zauber eines anderen Denkens
bezeichnet wird - die Grenze unseres Denkens: die schiere Unmöglichkeit,
das zu denken",(15) so muß er
doch zugleich zugeben, daß es so unmöglich auch wieder
nicht, sich eine derartige Anordnung zu denken:
Was ist eigentlich für uns unmöglich zu denken?
Um welche Unmöglichkeit handelt es sich? Jeder dieser eigenartigen
Rubriken kann man einen präzisen Sinn und einen bestimmbaren
Inhalt geben. einige umfassen zwar phantastische Wesen, Fabeltiere
oder Sirenen, aber eben dadurch, daß sie ihnen einen Platz
zuweist, lokalisiert die chinesische Enzyklopädie ihre Ansteckungsfähigkeiten.
Sie unterscheidet sorgfältig die wirklichen
Tiere (die sich wie Tolle gebärden oder die einen Krug zerbrochen
haben) und diejenigen, die ihren Platz nur im imaginären
haben.(16)
Die 'chinesische Enzyklopädie' von Borges ist ebenso
beunruhigend wie der Beginn von Kafkas "Verwandlung":
in beiden Fällen wird Zweifel erweckt an dem, was wir für
Grundtatsachen unseres Lebens halten. Borges zerstört die
"Syntax" (die innere Ordnung), die Wörter und
Sachen zusammenhalten läßt: "Das Unbehagen, das
uns lachen läßt, wenn wir Borges lesen, ist wahrscheinlich
mit der tiefen Schwierigkeit derjenigen verwandt,
deren Sprache zerstört ist. Es handelt sich darum, daß
das "Gemeinsame" des Ortes und des Namens verloren
gegangen ist: Atopie, Aphasie."(17)
Kafka erzählt sachlich, berichtartig ein "ungeheuerliches
Geschehen", die "Verwandlung" eine Menschen in
ein Ungeziefer, und stellt damit unsere Vorstellung von Kausalität,
das heißt dem vernünftigen Zusammenhang der Ereignisse
in der empirischen Welt in Frage.(18)
Wenn wir gefragt würden, um welches 'Ungeziefer' es sich
hier handelt, würden wir wohl sagen, die Beschreibung deute
auf einen Käfer. Nun bezeichnen wir mit dem Wort "Käfer"
in der deutschen Sprache aber auch eine bestimmte Auto-Sorte
- "Er hat sich einen blauen VW-Käfer gekauft"
- und in der Umgangssprache bezeichnete man junge Mädchen
als "Käfer". Eine "Käfer-Sammlung"
konnte also je nach dem Kontext eine Sammlung toter und präparierter
Insekten, das 'Harem' eines jungen Mannes oder eine Sammlung
von Volkswagen bedeuten. Nun haben schöne Mädchen und
Kafkas ekelhaftes Ungeziefer kaum etwas gemeinsam, und die Frage
könnte entstehen, warum die Sprache so divergente Dinge
mit dem gleichen Signifikanten bezeichnet. Wenn wir dagegen ein
Wort aus der Wissenschaftssprache, "Polysemie" z.B.,
nehmen, beobachten wir, daß zwar möglicherweise verschiedene
Wissenschaftler sich darüber streiten, was das Wort genau
bedeute, aber daß in der wissenschaftlichen Terminologie
der Versuch gemacht wird, die Beziehung von Signifikant zu Signifikat
so eindeutig wie möglich zu gestalten.
Nun haftet aber die "Eindeutigkeit" (Monosemie)
ja keineswegs dem Wort selbst an. Auch ein Wort aus der wissenschaftlichen
Terminologie wird "eindeutig" erst durch den Kontext,
in dem es steht, sei es nun eine Definition, sei es durch seine
Verwendung in einem systematischen Text: "Nicht bedingte
Konventionalität, sondern die Stellung des Terminus innerhalb
dieses Systems, die exakte Fixierung seine
Beziehungen zu anderen objektiven wissenschaftlichen Erscheinungen
gewährleisten seine Monosemie."(19)
Selbst in der Wissenschaftssprache wird nun aber jene Monosemie
nie ganz erreicht. Auch hier spielt uns die
Struktur der Sprache selbst einen Streich. Wenn zum Beispiel
Lotman sagt: "Die Rolle eines ähnlich funktionierenden
Regulators spielt der Kontext",(20)
dann gebraucht er in seinem 'wissenschaftlichen' Satz ein Wort,
das nur metaphorisch begriffen werden kann: "die Rolle"
(ähnliches triff auf "Regulator" zu). Selbst wenn
der Kontext mögliche Bedeutungen wie Haar-Rolle, eine Rolle
in der Gymnastik usw. ausschließt, verweist Rolle in seiner
"monosemierten" Form noch auf die "Rolle"
im Theater: auch das will der Text eigentlich nicht sagen, er
meint so etwas wie "Funktion". Der Kontext ist also
nicht "wirklich etwas Anderes", was nur hier eine "Rolle"
spielt, unter einer "Maske" auftritt. "Rolle"
ist hier eine kaum noch wahrgenommene (konventionalisierte) Metapher,
die "einfach" "Funktion"
"bedeutet".
"Die Informationsfunktion der Sprache zielt auf semantische
Eindeutigkeit ab".(21) Auch hier wieder
eine 'Metapher': wie ein Bogenschütze 'zielt' die Sprache,
was natürlich impliziert, daß sie 'wie' der Bogenschütze
auch daneben schießen kann.
Wir organisieren die "Welt" nach einem System von
Ähnlichkeiten und Nicht-Ähnlichkeiten (Unterschieden).
Der Volkswagen "sieht so ähnlich aus" wie ein
"Käfer"; das Mädchen wird einer "Sammlung"
einverleibt, wie ein "Käfer". Keine
dieser Ähnlichkeiten ist zwingend. Beide sind 'historisch':
die Sprache ist kein "spontanes Bild und ursprüngliches
Raster" der Realität. (22)
"Man darf", so meinte Nietzsche in der 'Fröhlichen
Wissenschaft', "alle jene Tollkühnheiten der Metaphysik,
sonderlich deren Antworten auf die Frage nach dem Wert des Daseins,
zunächst immer als Symptome bestimmter Leiber ansehen".(23) Auch die "Wahrheit" und "Eindeutigkeit"
(Monosemierung), die logische Konsistenz und Widerspruchslosigkeit,
die "empirische Faktizität" der wissenschaftlichen
Rede ist eine solche "Tollkühnheit der Metaphysik".
Wir können also behaupten, daß die Mitteilungsfunktion
jeder Sprachäußerung (auch der "wissenschaftlichen")
der "Überredungsfunktion" untergeordnet ist: bestimmte
"Leiber" wollen etwas, sie brauchen dazu die Hilfe
oder zumindest die Zustimmung anderer "Leiber", und
sie benutzen die Sprache um diese Hilfe und Zustimmung zu bekommen.
Nietzsche mißtraut grundsätzlich den Definitionen,
(24) da sie die Begriffe aus ihrem semiotischen
Entstehungsprozeß herausreißen und auf einen statischen
'Sinn' reduzieren: "Alle Begriffe, in denen sich ein ganzer
Prozeß semiotisch zusammenfaßt, entziehen sich der
Definition; definierbar ist nur das, was keine Geschichte hat."
(KSA 5 [GM] 2, 13) In Nietzsches Analyse der décadence
gibt es weiterhin keine eindeutigen kausalen Beziehungen. So
kann der dekadente Individualismus z.B. Ursache und Symptom der
décadence sein. Roger Bauer beschreibt Nietzsches als
'Epiphaenomenon' erkannte décadence in solchen akausalen
Begriffen: "Hinter den z.T. neu entdeckten Epiphaenomenon
der Décadence wird aber vor allem diese selbst, als Herd
der allgemeinen Krankheit sichtbar. De facto bezeichnet somit
das Wort zweierlei: Einerseits die Totalität der Fakten,
an denen der Niedergang einer Gesellschaft, die Auflösung
einer Kultur abzulesen ist. Andererseits (und diese Bedeutung
wird zur dominierenden) die als Ursache
derartiger Symptome erschlossene Krankheit, die freilich nur
an den Symptomen und durch diese erkennbar wird."(25)
Diese Akausalität(26) hängt damit
zusammen, daß dem Signifikanten 'décadence' kein
Signifikat entspricht.
In dem Text "Der Phänomenalismus der 'inneren
Welt'" (Vgl. KSA 13, 458ff NF 15[90]), wo es Nietzsche
um eine materialistische Beschreibung psychischer Zustände
geht, verwirft er die Unterscheidung von Ursache und Wirkung:
"Das Stück Außenwelt, das uns bewußt wird,
ist nachgeboren nach der Wirkung die von außen auf uns
geübt ist, ist nachträglich projicirt als deren 'Ursache'...").
Er meint, im Phänomenalismus der 'inneren Welt' sei die
Chronologie von Ursache und Wirkung umgekehrt. Das heißt
aber nicht, daß Nietzsche den Begriff der Ursache völlig
leugnet, es besteht nur eine Diskrepanz zwischen der wirklichen
Ursache und der uns bewußten Ursache: "es ist ein
Tasten auf Grund der ehemaligen 'inneren Erfahrungen' - d.h.
des Gedächtnisses. Das Gedächtniß erhält
aber auch die Gewohnheiten der alten Interpretat[ion], d.h. deren
irrthümliche Ursächlichkeiten ... so daß die
'innere Erfahrung' in sich noch die Folgen aller ehemaligen falschen
Causal-Fiktionen zu tragen hat". Nietzsche fährt fort:
"unsere Außenwelt, wie wir sie jeden Augenblick projiciren,
ist versetzt und unauflöslich gebunden an den alten Irrthum
vom Grunde: wir legen sie aus mit dem Schematismus des 'Dings'".
Nun zieht Nietzsche die Verbindung des Bewußtseins zur
Sprache: "Die 'innere Erfahrung' tritt uns ins Bewußtsein,
erst nachdem sie eine Sprache gefunden hat, die das Individuum
versteht ... d.h. eine Übersetzung eines Zustandes in ihm
bekanntere Zustände -" Es scheint, als ob Nietzsche
eine Psychologie der Erkenntnistheorie entwerfen will: "'verstehen'
das heißt naiv bloß: etwas Neues ausdrücken
können in der Sprache von etwas Altem, Bekanntem".
(1)
Paul Celan, Der Meridian. Rede anläßlich
der Verleihung des Georg-Büchner-Preises. Frankfurt
am Main, 1961. S.12
(2) Robert
Musil, Der Mann ohne Eigenschaften. Hamburg 1970, S.357
(3) Jean
François Lyotard, The Lyotard Reader. Ed. by Andrew
Benjamin. Oxford: Basil Blackwell 1989, S. 35
(4) Claudio
Magris, "Musil und die Nähte der Zeichen" . In:
Wolfgang Freese (Hg.), Philologie und Kritik. Musil-Studien
7, München 1981, S.180
(5) Jacques
Lacan, "Das Drängen des Buchstaben im Unbewußten
oder die Vernunft seit Freud." In: Jacques Lacan, Schriften.
Bd.II, S.33
(6) Robert
Musil, Prosa, Dramen, Späte Briefe. Hrsg. von Adolf
Frisé. Hamburg 1957
(7) Ernst
Platner, Anthropologie für Ärzte und Weltweise.
Erster Teil. Mit einem Nachwort von Alexander Kosenina. Hildesheim,
Zürich, New York: Georg Olms Verlag 1998, S. 258f.
(8) Platner
1998, S. 277.
(9) Platner,
Anthropologie, S. 278.
(10)
Platner, Anthropologie, S. 278f.
(11)
Jean Paul, Levana, In: Sämtliche Werke. Abteilung
I, Band 5, Frankfurt am Main: Zweitausendeins 1996, S. 843
(12)
Wulf Köpke, Erfolglosigkeit. Zum Frühwerk
Jean Pauls. München: Wilhelm Fink Verlag 1977, S. 287.
In einer Fußnote merkt Köpke an, die "Bedeutung
Hartleys wäre erst darzustellen". (Ebd.)
(13)
Jean Paul, Levana, S. 842
(14)
Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie
der Humanwissenschaften. Frankfurt a.M. 1974, S.17 Vgl. Jorge
Luis Borges, Das Eine und die Vielen. Essays zur Literatur.
München 1966
(15)
Foucault, Die Ordnung der Dinge; S.17
(16)
Foucault, Die Ordnung der Dinge; S.17
(17)
Foucault, Die Ordnung der Dinge; S.21
(18)
Franz Kafka, Sämtliche Erzählungen. Herausgegeben
von Paul Raabe, Frankfurt a.M. 197O, S.56
(19)
Juri Lotman, "Zur Distinktion des linguistischen und
des literaturwissenschaftlichen Strukturbegriffs". In: Peter
V. Zima (Hrsg.), Textsemiotik als Ideologiekritik. Frankfurt
a.M. 1977
(20)
Lotmann, Zur Distinktion, S.132
(21)
Lotmann, Zur Distinktion, S.132
(22)
Foucault, Die Ordnung der Dinge; S.26
(23)
Friedrich Nietzsche, Werke. Herausgegeben von Alfred Baeumler.
Leipzig 193O, Bd.III(2), S.6
(24)
Erwin Koppen (Dekadenter Wagnerismus. Studien zur europäischen
Literatur des Fin de siècle. Berlin, New York: Walter
de Gruyter 1973: 7) schreibt im Bezug auf "Décadence":
"Wir werden uns freilich davor hüten, zu dieser Klärung
auf dem Wege einer wie immer gearteten 'Definition' zu gelangen.
Denn dieser Weg hat sich, wie ein Blick in die Forschungsliteratur
zeigt, als Sackgasse erwiesen." Koppen gibt eine ausgezeichnete
Übersicht über die Forschungsliteratur zum Begriff
"Dekadenz-Literatur".
(25)
Roger Bauer, "Décadence" bei Nietzsche.
Versuch einer Bestandsaufname. Literary Theory and Criticism.
Festschrift presented to Réné Wellek in Honour
of his Eightieth Birthday. Edited by Joseph P. Strelka. Bern,
Frankfurt, New York: Peter Lang 1984: 500
(26)
Vgl. auch Heinrich Schipperges Am Leitfaden des Leibes:
zur Anthropologik und Therapeutik Friedrich Nietzsches. Stuttgart:
Ernst Klett 1975: 46.
POLYLOGE I - Wir brauchen eine
neue Synthese im Denken über Denken, Sprache und Kultur
POLYLOGUES I - Towards a New Synthesis in Thinking about Thinking,
Language and Culture |