Peter Bettelheim
Identität, Nationalität
und Judentum
A Zum Hintergrund eines immer wieder aktuellen Themas
Vor längerer Zeit hatte ich eine Einladung bekommen,
bei einer Tagung einen Vortrag über "Jüdische
Kultur" zu halten. Ich hatte damals nicht nur deshalb dankend
abgelehnt, weil in dieser Vortragsreihe auch einer mit dem Titel
'Jüdische Kirchen in Polen' angekündigt war und mir
dies ein Hinweis der (In-)Kompetenz der Veranstalter war. Ich
hatte vielmehr das Problem, nicht klar angeben zu können,
was denn eigentlich als jüdische Kultur angesehen
werden kann. Ist es der Ritus beim Gottesdienst in der Synagoge?
Oder Sigmund Freuds Totem und Tabu? Oder Otto Bauers und Alfred
Klahrs Schriften zur österreichischen Nationalitätenfrage?
Oder vielleicht Marcuses "One-Dimensional Man"? Oder
Jura Soyfer, der linke Satiriker aus Wien, der 1939 im Konzentrationslager
Buchenwald gestorben ist, mit seinem "Lied von der Ordnung".
Später habe ich dann im Nachspann zur Hollywood-Serie "Golden
Girls" jüdische Namen als Komponisten der Filmmusik
und als Produzenten gelesen. Ist vielleicht auch das 'Jüdische'
Kultur? Sie sehen, wie diese wenigen Beispiele aus dem 20. Jahrhundert
eher Fragen in den Kopf bringen als eine Antwort aus dem Mund.
Ganz ähnlich denke ich, wenn über 'jüdische'
Identität gesprochen wird oder auch über die österreichische,
japanische und in neuer Zeit von einer 'europäischen'. So
einfach die Frage scheint, so unterschiedlich die Antworten -
je nachdem in welchem Kontext gedacht, welche referentiellen
Beziehungen gemeint sind. Und damit gibt es die beinahe triviale
Antwort: Es gibt nicht 'die' jüdische Kultur, sondern eine
weite Vielfalt von Kulturen.
Jedoch gibt es seit langem eine jüdische Identitätsdebatte,
die viel mit der Diaspora, gesellschaftlichen Veränderungen
und -nicht zuletzt- mit dem unausrottbaren Antisemitismus (als
spezifische Form rassistischer Vorurteile) zu tun hat. Und, nebenbei
bemerkt, läuft ja derzeit im Zusammenhang mit der geplanten
'Osterweiterung' und Intensivierung der EU-Integration nach den
Maastrichter Verträgen auch eine Diskussion um die sogenannten
'national(staatlich)en' Identitäten. Außerdem: In
der ehemaligen Sowjetunion wie in Jugoslawien können wir
betroffen zusehen, wohin nationale Identität führt,
wenn sie bis zur letzten Konsequenz umgesetzt wird.
In einem allgemeinen Sinn und mit einer gegenwärtigen
Blick fällt auf, dass Identitätsdiskussionen immer
als solche der Gruppenzugehörigkeiten geführt werden:
Die Kriterien dafür sind rechtliche (etwa staatsbürgerliche),
historische (Diaspora), kulturelle (religiöse) etc., die
als objektive wie subjektive Merkmale herangezogen; einmal als
selbstgewählte, das andere Mal als 'zugeschriebene' bzw.
'zugewiesene'. Bemerkenswert in allen Identitätsdebatten
ist dabei, dass fast durchwegs ein Merkmal als identitätskonstituierendes
ausgewählt und prioritär gesetzt wird; bisweilen auch
mit dem Charakter eines religiösen Bekenntnisses.
Von daher ist es auch kein Zufall, dass dabei auch obskure
bis hin zu verbrecherischen Markierungen und Festlegungen produziert
werden. Denn - zumindest soweit es unsere abendländisch-bürgerlichen
Ideen und Gesellschaftsverträge betrifft- stehen diese mit
den realpolitischen, insbesondere nationalstaatlichen Konzepten
in einem kaum aufhebbaren Widerspruch: Liberté-Egalité-Fraternité
kann nur innerhalb definierter Grenzen (ver)wirklich(t) werden.
Die staatlichen Ab- grenzungen schaffen notwendigerweise
Aus-grenzungen: diejenigen, die dazugehören
und als deren Antipoden eben die, für die dies nicht gilt
und die damit auch auf bestimmte Rechte ('Privilegien' als feudale
Relikte?) verzichten müssen [1] .
Entscheidend dabei ist jedoch, dass derartige Segregationen
nach 'außen' zwangsläufig ebenso zurück nach
'innen' wirken. Denn gemessen an so unterschiedlichen gesellschaftlichen
Fakten wie individuellen Lebensgeschichten und gruppenspezifischen
Verhältnissen sind die Zugehörigkeits-'Definitionen'
veurteilt, zur Fiktion zu verkommen; der Schein drängt eben
nicht unbedingt zum Sein. Als aktuelles Beispiel sei hier auf
die post-jugoslawischen Staatsbürgerschaften verwiesen,
die nicht zufällig an Ahnenkulte und Stammesfehden erinnern,
wo Blut und Boden mehr zählen als Lebensgeschichten, Lebensvorstellungen
und politische Ziele. Bekanntlich haben jene ihren ideologischen
Hintergrund doch in der europäischen Geschichte: Den unterschiedlichen
Entwicklungen zu Nationalstaaten und entsprechenden Mythisierungen:
Zum einen die, wo "nationale" Homogenisierung über
die sozioökonomische Vergesellschaftung entsteht; mit ihr
werden traditionelle lokale Kulturen und Gemeinschaften in Standardisierungs-Prozessen
überwunden, sodass relativ konforme Wert- und Verhaltensmuster
zu einer 'nationalen' Identität werden. Schließlich
werden derartige gesellschaftliche Prozesse ergänzt und
begleitet durch politische und rechtliche Maßnahmen. Gegenüber
diesem eher harmonischen (Erklärungs-)
Ansatz steht eine mehr "konfliktorientierte" Entwicklung:
Demnach ist der (industrielle und politische) Modernisierungsprozess
gekennzeichnet durch aufgezwungene Nivellierungen und 'Gleichschaltungen',
die ökonomische, soziale und kulturelle Differenzen damit
eher forcieren [2].
B. Die 'Kernfrage' der jüdischen Identitätsdebatte
Beginnend mit der Gesetzgebung am Ende des 18. Jh., über
die erfolgreiche "48-er Revolution" ging mit der allgemeinen
Bürgerlichkeit auch der jüdische Emanzipationsprozess
einher. Bei den Juden wurde damit in dramatischer Weise das traditionelle
Selbstverständnis in Frage gestellt und machte soziale,
kulturelle und politische Neuorientierungen notwendig wie auch
möglich. Allerdings, in den verschiedenen Ländern Europas
in unterschiedlichen Formen und mit durchaus widersprüchlichen
Ergebnissen.
Das reale gesellschaftliche Leben und mit ihm die intellektuelle
Auseinandersetzung um das jüdische Selbstverständnis
stand in den ca. 100 Jahren vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis
in die 30er-Jahrc des 20. Jahrhunderts in dem Spannungsfeld dieser
bürgerlichen Emanzipation (die ja auch mit der 'Nationalitäten-'
und 'Staatsfrage, verknüpft war), einem kulturellen Assimilationsdruck
und traditionell christlich - später dann rassistisch -
begründeter Judenfeindschaft.
Die reale Gleichberechtigung, rechtlich durch die Setzung
der Menschenrechte von Frankreich ausgehend, sollte ermöglicht
werden und gelingen durch die 'Modernisierung' in wirtschaftlichen,
sozialen und kulturellen - und d.h. partiell auch religiösen
- Lebensbereichen und Verhalten. Gerade in den westlichen Zentren
der europäischen Staaten (Paris, Berlin, Wien, Budapest
und Prag) ist die Wechselwirkung und damit gegenseitige Beeinflussung
deutlich und auch heute noch nachvollziehbar; wenn auch oft nur
in Form einer 'Spurensuche'.
Trotz der rechtlich abgesicherten Gleichberechtigung war das
kulturelle Ressentiment gegen die Juden nach wie vor vorhanden
(teilweise gerade wegen eines allgemeinen Antimodemismus im katholischen
Lager). Daher kam es zur Gründung von jüdischen "Gesellschaften
gegen den Antisemitismus" mit Emanzipationsanspruch innerhalb
der bürgerlichen Gesellschaft und der Staaten. So, 1860
(Paris): "Alliance Israélite Universelle" und
1893 (Deutschland): "Zentralverein deutscher Staatsbürger
jüdischen Glaubens".
Damit wurde auch organisatorisch ein Gegenkonzept zur aus
den osteuropäischen Ländern kommenden zionistischen
Selbstverwirklichung etabliert. Und trotz zahlreicher Kontroversen
zwischen diesen beiden Positionen, gab es doch ein gemeinsames
Credo: Offensive Öffnung statt innerer Religiosität.
Vor dem Hintergrund der europäischen Nationalitätsdebatten,
vor allem jedoch wegen der ungleichen realen politischen Entwicklungen
im 'Osten' und 'Westen' des Kontinents, entstand als Konzept
der jüdischen 'Nationalität' der Zionismus ("Sammlung
der Zerstreuten"). Als ursprünglich osteuropäisch
getragene Bewegung fand diese anfangs nur wenige westeuropäischen
Sympathisanten. Die ideologische Kernposition war und ist bis
heute das Konzept des Judentums als Volk, als einheitliche Nation
der gesamten Diaspora; das politische Ziel die 'Rückkehr'
nach Palästina. Geschaffen wurde damit eine identitätsstiftende
Vereinheitlichung und eine Alternative zu den 'Assimilationsjuden'
im Westen. Zentrum von "Hibbat Zion" (Liebe zu Zion)
war Paris, um den Repressionen des zaristischen Russlands entgehen
zu können. Finanziell stark durch Baron Edmond de Rothschild
unterstützt, errichtete Hibbat in Palästina jüdische
Siedlungen.
1897 findet in Paris der Zionistische Kongress statt, bei
dem Theodor Herzl zur Leitfigur aufsteigt. Vor allem aber fasst
der Zionismus damit Fuß in Westeuropa; auch deswegen, weil
im Westen deklariert antsemitische Parteien Wahlerfolge zeigen
und damit das Assimilationskonzept in Frage gestellt wird. Am
Kongress dominiert die politische Einschätzung, dass die
Situation in Rußland, Rumänien etc.
ein Indikator ist für die Unmöglichkeit einer allgemeinen
Befreiung der Juden in allen Ländern. Ein weiterer Grund
für die Sympathie im Westen am Zionismus auch wegen der
Säkularisierung und religiösen Liberalisierung vieler
junger Juden (Rationalistischer Universalismus) [3]
.
Die heutige Debatte um jüdische Identität ist selbstverständlich
stark geprägt zum einen von den Erfahrungen und dem Wissen
über die nationalsozialistischen Massenmorde -für die
bloß symbolisch Auschwitz steht- und dem Überleben.
Und zum anderen -und damit auch zusammenhängend- die Existenz
des "real existierenden'' jüdischen Staates.
Ein weiterer Identitätsaspekt als 'ethnische' und religiöse
Zugehörigkeit, ist begründet in einer längeren
historischen Kontinuität. Das Judentum als Volk der Diaspora
hat -deshalb- eine starke Beziehung zur schriftlichen Überlieferung,
die ganz wesentlich religiös begründet ist. Dazu der
zeitgenössische jüdische Historiker Yosef Yerushalmi:
"Alle an die Juden gerichteten Ermahnungen, sich zu
'erinnern' ' ....,waren nutzlos gewesen, wären die Riten
und historischen Erzählungen nicht in der Form der Thora
(der 'Lehre' im weitesten Sinne) kanonisiert würden, und
hätte sich die Thora ihrerseits nicht ständig in Form
der 'Überlieferung' erneuert... " [4]
Yerushalmi proklamiert damit die historische Kontinuität,
die sich aus dem Zusammenhang von verschrifteter Geschichte als
gemeinsame Erinnerung des Volkes ergibt. Ich meine allerdings,
dass dies unbedingt relativiert werden muss: Denn, als Volk der
Diaspora, lebt es mit und unter anderen Völkern und kann
diese Überlieferung nur eine Dimension des Geschichtsbewusstseins
sein; und tatsächlich ist im realen Lebenslauf vieler Juden
dieser Aspekt bloß ein untergeordneter.
C. Biografisch-literarische Belege
Zur weiteren Annäherung an das Thema werde ich an einigen
biografischen Beispielen aus der Geschichte Europas zeigen, wie
komplex sich Identitäten zusammensetzen und dass an die
Frage danach nur unter historischen Voraussetzungen und unter
Berücksichtigung der politischen Verhältnisse herangegangen
werden kann.
Baruch ("der Gesegnete") d'Espinosa (1632-1677)
Gilt als sogenannter 'aufgeklärter', 'emanzipierter,
jüdischer Philosoph. Er erlebt die 'nationale' Befreiung
der Niederlande von Spanien und den Habsburgern und damit die
Etablierung einer prä-demokratischen Gesellschaft, sowie
den Aufstieg und die Etablierung zu einer imperialen (Welt-)Macht
[5] , die gegen England und Spanien antritt
[6] . Er lebt in einer Periode des blühenden
Kapitalismus und des kulturellen Wandels [7]
.
In dieser Atmosphäre der sehr radikalen Veränderungen
wird gleichzeitig von vielen "Marranen" die lange Zeit
abgelegte sephardisch-jüdische Kultur rekonstruiert und
Amsterdam wird zu einer hochangesehenen "Kadal Kadoch"
(heilige Gemeinde). Die ehemals spanisch/portugiesischen Einwanderer
haben inzwischen aristokratische Stellungen im Staat bezogen
und halten zum Teil monopolistische Handelspositionen. Der Krieg
gegen Spanien, der Haß gegen die Habsburger und die Inquisition
einigte die autochthonen Niederländer und die eingewanderten
- und inzwischen gut 'gesettleten' - Sephardim. Die 'innerjüdische'
Auseinandersetzung wird mit den neu einwandernden eher frommen
und jiddisch-sprechenden ashkenasischen Juden
aus Osteuropa und Deutschland gefährt.
Spinoza kennt ein weites Feld der arabischen, spanischen,
wie auch der rabbinischen und kabbalistischen Literatur; und
vermutlich war er stark von Maimonides [8] geprägt;
v.a. aber von der italienischen Renaissance (Kopernikus, Galilei).
Er entwickelt eine stark materialistisch/naturwissenschaftliche
(mathematisch-physikalische), d.h. rationalistische Philosophie,
die gegen die extrem mystische Kabbala steht, wie auch in ihrer
Betonung des Verstands antidogmatisch und antiautoritär
ist.
Folglich wird 1655 der erste (leichte) Bann gegen ihn ausgesprochen,
dem 1656 die Cheren , der harte große Bann folgt;
also der Ausschluß aus der Gemeinde wegen "abscheulicher
Ketzereien und schwarzer Taten"; letztlich aber doch nur
wegen Übertretungen und die Absage an Sabbat-
und Speiserituale.
Spinoza lehnt den Bann "aus Rechtsgrundsätzen"
ab, da die Gemeinde im Sinne des 'bürgerlichen' Staats keinen
Rechtstitel hat [9] .Der Bann wird vermutlich
von ihm als Befreiung angesehen, obwohl damit auch eine Reihe
persönlicher Nachteile entstehen.
Sein Hauptwerk, der Tractatus Theologico-Politicus
(TTP), ist als 'frühaufklärerisches' Werk zur Verteidigung
der Denkfreiheit zu sehen; es ist ein Aufruf für die philosophische
Vernunft, der Überprüfung tradierter Lesarten der Bibel.
Schon das ausführliche Inhaltsverzeichnis (das sich wie
eine Programmatische Kurzfassung liest) macht seine Intentionen
deutlich:
5. Kp. Von dem Grunde, weshalb die Zeremonien eingesetzt worden,
und von dem Glauben an die Geschichten, aus welchem Grunde und
für wen er nötig ist.
6. Kp. Von den Wundern.
13. Kp. Es wird gezeigt, daß die Schrift nur ganz Einfaches
lehrt und nichts anderes bezweckt als den Gehorsam und daß
sie auch über die göttliche Natur nichts anderes lehrt,
als was die Menschen in einer bestimmten Lebensweise nachahmen
können.
20. Kp. Es wird gezeigt, daß es in einem freien Staate
jedem erlaubt ist, zu denken was er will, und zu sagen, was er
denkt.
Glückel von Hameln (1645-1724)
Das Buch "Erinnerungen ('Sichroth') der Glickel von Hameln"
ist ihr zufällig aufgetauchtes Tagebuch (geführt von
1690-1719), das erstmals 1896 gedruckt und seither mehrmals neu
aufgelegt wurde [10] .
Die Aufzeichnungen sind von ihr eigentlich zur Erinnerung
für ihre Kinder geplant gewesen, damit also ein 'privates'
Dokument. Sie beginnt mit dem Niederschreiben der Kindheitserinnerungen
nach dem Tod ihres ersten Mannes Chaim Hameln 1689 und setzt
fort mit aktuellen Eintragungen, die bis 1719 in Metz reichen,
wo sie ab 1700 mit ihrem zweiten Mann lebt.
Geschrieben ist es in deutsch-jüdischer Sprache (nicht
jiddisch!) mit hebräischer Schrift [11]
.
Sie ist die Tochter des Leib Pinkerle, der in Hamburg (nach
ihren Notizen) als erster Jude hier Niederlassungsrecht genießt,
heiratet im 15 Lebensjahr und bringt zahlreiche Kinder auf die
Welt. Sie ist äußerst fromm und zitiert daher auch
immer wieder die Bibel in Hebräisch.
In ihrer Kindheit erlebt sie die Nachwehen des 30-jährigen
Krieges mit seinen enormen Verwüstungen, Verarmungen und
Entvölkerungen weiter Gebiete. In den norddeutschen Ländern
hat die Reformation gesiegt und Hamburg ist eine reichsunabhängige
Stadt die präbürgerlich regiert wird [12]
. Es gibt kaum mehr eine intakte jüdische Gemeinde und für
einzelne jüdische Familien gibt es bestenfalls durch absolutistische
Herrschaft der Landesfürsten willkürlich geduldetes
Wohnrecht. Jüdisches Leben läuft vor dem Hintergrund
tradierter antijüdischer Ressentiments der Umgebung ab und
fallweise folgen auch Vertreibungen.
Glückel schreibt alles nieder, was ihr wichtig erscheint:
Familienangelegenheiten, Geschäftliches - sie führt
als Witwe die Geschäfte ihres Mannes weiter- und kommentiert
die Politik. Ihre Geschäftsbeziehungen, die Ehen ihrer Töchter
und schließlich die eigene Übersiedlung nach Metz
ermöglichen ihr einen relativ weiten Horizont. Dieser Blick
und die vielen Details machen das Buch zu einem außerordentlichen
kulturgeschichtlichen Dokument.
"Mein Vater war gar nicht so sehr reich, aber, wie
schon erwähnt, er hatte großes Gottvertrauen; er ist
keinem etwas schuldig geblieben und hat sich's gar sauer werden
lassen sich und seine Familie ehrlich zu ernähren. Er hatte
schon viel Schweres durchgemacht und war damals schon bejahrt-,
darum hat er sich auch sehr beeilt, seine Kinder zu verheiraten.
Als er meine Mutter nahm, war er schon Witwer; er war schon 15
Jahre oder mehr mit einer wackeren und sehr vornehmen Frau namens
Reize verheiratet gewesen, die ein großes und feines Haus
geführt haben soll. Mein Vater hat von ihr keine Kinder
gehabt. Sie hatte aber aus ihrer früheren Ehe eine einzige
Tochter, die an Schönheit und Tugend nicht ihresgleichen
halte. Französisch konnte sie wie Wasser (*), was meinem
sel. Vater auch einmal zunutze gekommen ist..."
(* 'fließend', wie wir heute sagen)
Hannah Arendt (1906-1975)
Sie ist politische Essayistin, philosophische Historikerin,
historische Literatin,... die den Marxismus ablehnt und sich
an der griechischen Polis orientiert (daher Kritik der Linken
als 'Konservative' erntet) und für die Rätekonzeption
plädiert (und so Ablehnung durch die Konservativen erfährt).
So wie sie sich als Denkerin nicht ein- oder zuordnen lassen
will, grenzt sie sich -als Jüdin- gegen den deutschen Nationalismus
ab ebenso wie gegen den Zionismus als jüdischen Nationalismus.
Sie kämpft dennoch in der amerikanischen Emigration aktiv
für die jüdische Auswanderung nach Palästina und
arbeitet politisch am Entwurf eines jüdisch-palästinensischen
Staates.
Ihre Texte und ihre Selbsteinschätzung sind voller Ambivalenzen
(als Gleichzeitigkeit, nicht als unversöhnliche Widersprüche),
sie ist konsequent Grenzgängerin und fühlt für
sich "eine Art von Fremdheit unter den Menschen" (1970).
Arendt wird 1906 in Hannover als Tochter von Paul Arendt und
Martha (Cohn) geboren, die Eltern sind aktiv in der Sozialdemokratie.
1908 übersiedelt die Familie nach Königsberg, wo schon
früher Hannahs Groß- u. Urgroßeltern lebten.
(Max Cohn ist Inhaber einer europaweit bekannten Tee-Import-Firma;
er steht in der deutsch-aufklärerischen Tradition und ist
skeptisch gegenüber dem Ostjudentum und Zionismus; er ist
Mitglied im "Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen
Glaubens" und Präsident der "Liberalen jüdischen
Gemeinde").
Nach dem Tod des Großvaters und dem frühen des
Vaters verlebt Hannah ihre Kindheit in einer Welt der (aktiven)
Frauen (Mutter, Großmutter). Ihre religiöse Erziehung
beschränkt sich auf den Religionsunterricht bei einem sozialdemokratischen
Rabbiner; dessen jüngere Schwester und Hannah lebenslang
Freundinnen bleiben.
Geprägt von den Erfahrungen und dem Milieu versteht sie
sich selbst eindeutig als nichtreligiöse assimilierte Jüdin,
doch (wie sie in späteren Interviews ergänzt) aus der
Erfahrung der Vertreibung aus Deutschland und Emigration in die
USA, als deutsche Staatsangehörige, intellektuell in der
Tradition der deutschen aufklärerischen Philosophie und
nicht zum deutschen Volk gehörend.
Ihr Buch Rahel Varnhagen-Lebensgeschichte einer deutschen
Jüdin aus der Romantik ist eine 1938 fertiggestellte
Biografie über die deutsche jüdische Literatin Varnhagen
(Rahel Levin, 1771-1833), in der Arendts Selbstbild an der anderen
Frau sichtbar gemacht wird.
'Judentum gibt es nicht außerhalb der Orthodoxie
auf der einen, dem jiddisch sprechenden, Folklore produzierenden
jüdischen Volk auf der anderen Seite. Was es außerdem
gibt, sind Menschen jüdischer Abstammung, für die es
jüdische Inhalte im Sinne irgendeiner Tradition nicht gibt
und die aus bestimmten sozialen Gründen und weil sie sich
als eine Clique innerhalb der Gesellschaft befanden, so etwas
produzierten wie einen 'jüdischen Typ'" .
Aus der Polis-Gesellschaft entwickelt Arendt eine 'moderne'
[13] soziologische Kategorie des menschlichen
Daseins und seiner gesellschaftlichen Rolle, das am jüdischen
Dasein expliziert wird: Den Paria und den Parvenu.
Der Paria ist der Außenseiter, der in der Gesellschaft,
die sich auf Privilegien stützt, die Menschenwürde,
das eigentlich Humane, spezifisch menschliche repräsentiert,
jedoch um den Preis der Ausgrenzung aus der Politischen Öffentlichkeit.
"Die Menschenwürde, die der Paria instinktartig
entdeckt, ist die einzig natürliche Vorstufe für das
gesamte moralische Weltgebäude der Vernunft".
Der Parvenu ist auch Außenseiter, doch aus eigenem Antrieb;
durch seine Tüchtigkeit ist er aus der 'Klasse' der 'standesgemäßen'
Privilegierten aufgestiegen, "als ein besonders gutes
und starkes und iotelligentes Exemplar, als ein Leitbild seiner
armen Pariabrüder...; bezahlt den Verlust seiner Pariaeigenschaften
damit, daß er endgültig unfähig wird, Allgemeines
zu erfassen, Zusammenhönge zu erkennen, sich für anderes
als für seine eigene Person zu interessieren. "
Und Rahel Varnhagen "ist interessant, weil sie ganz
naiv und noch ganz unbefangen genau dazwischen steht zwischen
Paria und Parvenu " und aus diesem Zwischenort jüdischer
Existenz in die vorerst aufklärerische, doch letztlich reaktionäre
und antisemitische (damit also gegenaufklärerische) Welt
übertritt.
'Die Berliner Ausnahmejuden in ihrer Jagd nach Bildung
und Reichtum haben drei Jahrzehnte Glück gehabt. Der jüdische
Salon, das immer wieder erträumte Idyll einer gemischten
Geselligkeit, war das Produkt der zufälligen Konstellation
in einer gesellschaftlichen Übergangsepoche. Die Juden wurden
zu Lückenbüßern zwischen einer untergehenden
und einer noch nicht stabilisierten Geselligkeit. Adel und Schauspieler,
beide außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft stehend
- wie die Juden - beide gewohnt, eine Rolle zu spielen, zu repräsentieren,
sich auszudrücken, darzustellen, 'was man ist' - und nicht
nur wie der Bürger (nach einem Wort aus dem 'Wilhelm Meister')
'zu zeigen, was man hat' - ... Juden wurden in dem gelockerten
Konventionsgefüge der Zeit in der gleichen Weise gesellschaftsfähig
wie die Schauspieler: beiden attestiert der Adel ihre bedingte
Hoffähigkeit. "
Eine (vorläufig) abschließende Bemerkung zu der
anfangs angesprochenen bzw. von mir so benannten 'Zuordnungs'problematik:
Ohne mich auf eine differenzierte Gesellschafts- bzw. Kulturanalyse
einzulassen, also in einem verallgemeinerten - und daher auch
in einem abstrakten Sinn -, ist für die gegenwärtige
Diskussion um die Identität eine Frage zu stellen: Ist möglicherweise
die schon von Max Weber soziologisch beschriebene Ausdifferenzierung
der Institutionen, der Kultur (Politik, Wissenschaft) - also
der "Vergesellschaftung" genannte Prozeß - schon
so weit und durchgängig gediehen, dass die Bezugs'orte'
für die Individuen verloren sind, oder nicht mehr ausreichen,
um sinnstiftend zu sein? D.h. damit auch keine tragfähigen
Lebensvorstellungen und Zugehörigkeiten für die Gegenwart
gebildet werden können? Dazu einige aktuelle Stichworte
zur Kennzeichnung: Wertewande , Lebensstile, Bildungs-, Informations-,
Voyeursgesellschaft, die div. 'Appendix'-Kulturen: Sozio-, Frauen-,
Multi-, Auto-, Betriebs-, Managementkultur..., die darauf hindeuten.
© Peter Bettelheim
Anmerkungen
[1] Mit
den traumatischen Konsequenzen der Vernichtung 'unwerten Lebens'
wie in den nationalsozialistischen Tötungsfabriken.
[2]
Siehe dazu u. anderem: Bettelheim P. und Ley M.: Ist jetzt hier
die 'wahre' Heimat? Wien 1993. S.131ff. - Hier auch weitere Überlegungen
zu dem wichtigen Zusammenhang von Nationalismus und Judenfeindschaft.
[3]
Durch den Zionismus als Bewegung und Ideologie erfolgt eine fatale
Konvergenz politischer Interessen: Als Antwort auf die (Fremd-)
Segregation wird eine positiv gesehene Selbstausgrenzung aus
der 'europäischen' Gesellschaft vollzogen.
[4]
Yerushalmi Y.H.: Ein Feld in Anatot. Berlin/ Wagenbach 1993.
[5]
V0C : Vereinigte Ostindische Compagnie in Indonesien [Djakarta]
, Japan, Amerika [New Amsterdam -> New York] und N-Europa
[Ostsee]
[6]
NL hat angeblich mehr Schiffe als alle anderen europäischen
Staaten zusammen; d.h.: potente Werftindustrie
[7]
Konsumgüter, Stoffe, Gewürze, Buchdruck, Malerei...
[8]
Moses Ben Maimon; 2. Hälfte des 12.Jh. Sieht Einheit der
Natur als Indiz für die Einheit Gottes.
[9]
s.d. die Erstausgabe seines Tractatus Theologico-Polilicus (1670)
ohne Angabe des Verfassers, doch wird Spinoza schon sehr bald
als Autor erkannt.
[10]
Zuletzt 1986 in Frankfurt.
[11]
Von einem vereinheitlichten Deutsch ist noch lange keine Rede
und schon gar nicht von einer normierten Hoch- d.h. Schriftsprache.
Ganz zu schweigen von dem noch weithin verbreiteten Analphabetismus.
[12]
Dazu ein zeitgeschichtlicher Vergleich: Ihre Geburt ist von der
Französischen Revolution so weit entfernt wie das Ende des
2. Weltkriegs vom Jahr 2089.
[13]
Angesichts der derzeitigen politischen, v.a. wirtschaftlichen
Entwicklungen und den sozialen Konsequenzen ist ihre Charakterisierung
in frappanter Weise 'post-industriell'.
Was
ist Mehrfachidentität ? Wie funktioniert sie ? (1994 - Ljubljana)
Multiple
identity: What it is and how it works (1994 - Ljubljana) |