EUROPÄISCHE TAGUNGEN ÜBER
"ÜBERLAPPENDE TEILKULTUREN UND MEHRFACHIDENTITÄTEN"
Das Thema "Überlappende Teilkulturen und Mehrfachidentitäten"
wurde auf Initiative des damaligen Vorsitzenden des Fachausschusses
Sozialwissenschaften und Entwicklung der Österreichischen
UNESCO-Kommission, Dr. Arne Haselbach, in die Weltdekade für
kulturelle Entwicklung der UNESCO (1988-1997) eingebracht.
Insgesamt wurden sechs Tagungen von Fachleuten europäischer
Unesco-Kommissionen abgehalten, deren Gesamtkoordination für
die Österreichische UNESCO-Kommission bei Dr. Arne Haselbach
und Generalsekretär Dr. Harald Gardos lag.
- "Überlappende Teilkulturen und Mehrfachidentitäten"
(1991 - Wien)
Veranstalter: Österreichische UNESCO-Kommission und Volkshochschule
Brigittenau
- "Gruppenbildung ohne Feindbilder ?" (1992
- Kopenhagen)
Veranstalter: Dänisches Sekretariat für die UNESCO
Welt Kulturdekade
- "Was ist Mehrfachidentität ? Wie funktioniert
sie ?" (1994 - Ljubljana)
Veranstalter: Slowenische Nationale Unesco-Kommission und Institut
für Ethnische Studien
- "Künstler und Gesellschaft" (1995 - Tallinn)
Veranstalter: Nationale Unesco-Kommission Estlands
- "Vielfalt in Einheit - Multiple Identitäten und
Alltagswelten" (1995 - Wien)
Veranstalter: Österreichische UNESCO-Kommission und Volkshochschule
Brigittenau
- "Pendeln zwischen Kulturen" (1997 - Wien)
Veranstalter: Österreichische UNESCO-Kommission und Volkshochschule
Brigittenau
ZUR THEMENSTELLUNG
Was waren unsere Überlegungen, als wir den Titel der
Reihe formulierten ?
Warum haben wir Vorstellungen wie "überlappende
Teilkulturen" und "Mehrfachidentitäten" verwendet?
Überlappende Teilkulturen
Die im Gesamttitel der Reihe angesprochene Vorstellung von
"Kultur" bezieht sich nicht ausschließlich auf
nationale oder ethnische Kulturen sondern auf beliebige Gruppen
längerer Dauer. Es gibt verschiedene Jugendkulturen, verschiedene
Kulturen in der Geschäftswelt, eine akademische Kultur,
so viele verschiedene Kulturen der Wissenschaften wie es wissenschaftliche
Disziplinen gibt, ein Kultur der Jäger, der Seeleute, und
ungezählte andere.
Wir waren der Meinung, daß es helfen würde, die
heutige Welt besser zu verstehen, wenn man die große Vielfalt
von Teilkulturen in die Betrachtung einbeziehen und anerkennen
würde,
- daß es innerhalb nationaler Gesellschaften viele Kulturen
gibt sowie
- daß es viele grenzüberschreitende transnationale
Kulturen gibt.
Wenn man "Kultur" in diesem Sinne denkt, drängt
es sich auf
- daß sich viele dieser Kulturen überlappen und
- daß die meisten Menschen in mehr als einer dieser Teilkulturen
leben.
Und es beginnt auch einzuleuchten, daß viele der Menschen,
die in mehr als einer Kultur leben, in jeder dieser Kulturen
ganz zuhause sind.
Mehrfachidentitäten
Mit dieser Vorstellung von "überlappenden Teilkulturen"
im Kopf nahmen wir uns die Vorstellung "Identität"
vor.
Nach herrschender Auffassung ist es selbstverständlich,
daß jeder Mensch eine Identität hat. Diese Identität
wird als etwas Geschlossenes, als ein Ganzes gedacht. Dabei wird
davon ausgegangen, daß jeder Mensch seine Identität
behält, was immer auch passiert. Sie kann sich ändern,
aber sie bleibt diese Identität.
Wir waren also mit einer Situation konfroniert, in der die
Vorstellung, daß Identität eine homogene, widerspruchsfreie,
gegenstandsartige Qualität hat, die Menschen besitzen, so
tief eingewurzelt ist, daß es nur schwer möglich ist,
von dieser Sicht abzuweichen.
Diese Vorstellung produzierte jedoch in uns und unter Bekannten,
von denen einige mit Menschen arbeiteten, die in anderen Kulturen
aufgewachsen sind, starke Dissonanzen.
Aus unseren eigenen Erfahrungen ergab sich ein ganz anderes
Bild:
- Es schien kaum widerlegbar, daß in den verschiedenen
Kulturen, in denen ein und dieselbe Person zuhause war, von einander
abweichende - oft sogar einander direkt widersprechende - Ansichten,
Verhaltensregeln und Wertvorstellungen herrschten, an die sie
sich zu halten hatte. Und dennoch gelingt es vielen Menschen,
mit diesen widersprechenden Regeln zu leben.
- Völlig unabhängig davon war uns aufgefallen, daß
Reflexion (über welche Frage auch immer) voraussetzt, daß
man in der Lage ist, die Position oder Perspektive zu wechseln,
um die betreffende Sache von einer anderen Seite aus zu sehen.
Wenn man ein Ganzes, und ein identisches Ganzes ist, wie ist
es dann möglich, über irgendetwas zur reflektieren?
Die Lösung dieser sich bei genauerer Betrachtung weiter
verstärkenden Dissonanzen fanden wir darin, daß einzelne
Individuen Mehrfachidentitäten haben müßten.
Was wohl auch das war, was Marcel Duchamp mit jenem Bild sagen
wollte, in dem er sich selbst fünfmal - um einen Tisch sitzend
- malte.
Uns schienen diese Überlegungen so spannend, daß
wir uns entschlossen, einen Prozeß einzuleiten, um den
Gegebenheiten auf den Grund zu gehen. Wir wollten herausfinden,
wie Mehrfachidentitäten Einzelner entstehen, welche Prozesse
dabei involviert sind, wie Menschen mit der Pluralität in
ihnen selbst und mit den Widersprüchen und Konflikten zwischen
ihren Umwelten umgehen, und wie es ihnen in ihrem Alltag gelingt,
von einem kulturellen Register zu einem anderen zu wechseln.
Kurz gesagt: Wir wollten die völlig verzerrte Vorstellung
einer geschlossenen, widerspruchsfreien Identität nicht
länger akzeptieren und herausfinden, welche Prozesse tatsächlich
ablaufen, die wir - in unseren Kulturen - "Identität"
nennen.
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