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Auch wenn das Schwergewicht auf "Alltagsdenken"
gelegt wird, verleitet das gestellte Thema "Denken und Handeln"
dazu, so weit auszuholen, daß jeder Rahmen gesprengt wird.
Ein Hauptunterschied zwischen Handeln und Denken liegt in
der Rolle, die Wunschvorstellungen dabei spielen (sollen). Handeln
ist und soll von Wunschvorstellungen geleitet sein - denn beim
Handeln geht es um die Gestaltung der Welt.
Beim denkenden Analysieren von Zusammenhängen geht es
jedoch um Feststellungen, wie die Welt ist, oder genauer,
wie die Welt abläuft. Analysen dürfen daher
weder von Wunschvorstellungen geleitet noch von Illusionen durchzogen
sein. Analysen müssen radikal sein.
Alltagsdenken und wissenschaftliches Denken
So auch bei der Frage nach dem sogenannten Alltagsdenken.
Die Vorstellung, daß sich wissenschaftliches Denken grundlegend
vom Alltagsdenken unterscheidet, ist ein Mythos.
Der wichtigste Grund dafür, daß es sich bei der
Behauptung, wissenschaftliches Denken unterscheide sich grundlegend
vom Alltagsdenken, um einen Mythos handelt, liegt schlicht darin,
daß Denken so funktioniert, wie es das Gehirn erlaubt.
Und das Gehirn ist dasselbe - in der Wissenschaft und im Alltag.
Die Denkstile der Wissenschafter sind eine Gruppe aus der
viel umfangreicheren Gruppe des Denkens von Spezialistengruppen.
Wie in jeder Gruppe von Spezialisten bildet sich eine eigene
Sprache und ein eigener Denkstil - eine ganze Reihe spezifischer
Denkmuster - heraus. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Wissenschafter
nicht von Weinkennern, Jägern oder Bienenzüchtern.
Was hinzu kommt, ist ein durch Selbstlegitimation der Wissenschaften
- im Kampf um Lehrstühle und gesellschaftliche Anerkennung
- geschaffener Mythos. Das wohl hervorstechendste Beispiel dieser
unglaublichen Selbstüberschätzung der Wissenschaften
ist der Satz "Eine Theorie ist gültig, solange sie
nicht falsifiziert wurde" - ein Satz, den wir alle akzeptiert
haben, den wir alle für ganz normal halten. Doch
ist, was wir in diesem Satz vor uns haben, nichts anderes als
eine Beweisumkehr. Und Beweisumkehr ist ein Instrument
der Legitimation - in diesem Falle eingesetzt von Wissenschaftern
zugunsten der Wissenschaften.
Alle Menschen sind Spezialisten
Ich habe Wissenschafter als Spezialistengruppen bezeichnet.
Die Frage, die hier gestellt werden muß, ist: "Gibt
es überhaupt Nicht-Spezialisten ?"
Um diese Frage sinnvoll beantworten zu können, ist es
gut, sich in Erinnerung zu rufen, was spezialisiert sein heißt.
Die Vorstellung, daß Spezialisten alles über einen
Bereich wüßten, enthält einen groben Denkfehler.
Spezialisiert sein heißt nicht, alles über
etwas zu wissen sondern etwas zu wissen, daß andere
nicht wissen.
Die Antwort auf meine Frage muß also sein: "Wir
sind alle Spezialisten !" Denn jeder von uns ist Spezialist
in seinen Lebens- und Handlungswelten. Daß das so ist,
folgt daraus, daß jeder von uns nur seine eigenen Erfahrungen
hat. Niemand anderer hat meine Erfahrungen und ich habe die Erfahrungen
von niemandem anderen als mir selbst. Niemand kennt die Lebens-
und Handlungswelten eines anderen so wie dieser. Und jeder kennt
seine Lebens- und Handlungswelten spezifisch - und anders als
jeder andere.
Es ist das Verdienst der Anthropologie, als erste - und bisher
einzige - Wissenschaft, nicht nur anerkannt zu haben, daß
ihre Auskunftspersonen Spezialisten, die Spezialisten
für ihre Kultur sind, sondern auch, daß die Interpretationen
der jeweiligen Auskunftspersonen genauso Theorien sind, wie ihre
eigenen, ja daß Analphabeten aus abgelegensten Gegenden
ebenso ihre Theorien über ihre Welt haben, wie hochgebildete
- forschende, lesende und schreibende - Wissenschafter.
Mit der Unterscheidung in wissenschaftliches Denken und in
Alltagsdenken ist daher nichts anzufangen.
Die Ausgangsfragen
Will man die Frage nach dem Alltagsdenken seriös behandeln,
muß man sich überlegen, wie Denken abläuft, und
welche Vorstellungen wir mit Denken verbinden, wie wir über
Denken denken.
Die Ausgangsfrage, mit denen ich an das Denken über das
Denken, an das Denken über den denkenden Umgang der Menschen
mit der Welt und mit sich selbst herangehe, ist: "Welche
Vorstellungen über das Denken könnten - auf der Basis
des vorhandenen wissenschaftlichen Wissens - heute entstehen
und sich durchsetzen ?"
Die Ausgangslage - Der Ballast alter Vorstellungen
Vergleicht man die Vorstellungen, die wir uns über das
Denken machen, mit dem heutigen Wissen, kommt man sehr bald zur
Einsicht: Das Denken über das Denken ist voll von falschen
Vorstellungen.
In unseren Vorstellungen über das Denken geistert der
Ballast vergangener Vorstellungen herum - Vorstellungen
von Vorvorgestern - manchmal Vorstellungen, die über zweitausend
Jahre alt sind. Viele dieser Vorstellungen sind ziemlich fest
mit Wörtern verbunden, die Teil unseres - im Alltag
und in den Wissenschaften - üblichen Sprachgebrauchs sind.
Durch ihre vielfältige Verankerung in unserem Denk- und
Sprechverhalten ist es sehr schwer, davon loszukommen. Jede Kritik
an einer dieser Vorstellungen stößt auf die Mauer
des Für-selbstverständlich-Gehaltenen.
Andererseits enthalten Veröffentlichungen über Forschungsergebnisse
der letzten Jahre und Jahrzehnte aus Hirnforschung und Literaturwissenschaft
sowie von Anthropologen und Biologen eine große Zahl von
Hinweisen darauf, wie manches im Denken und im Handeln zusammenhängt,
welche Rolle verschiedene Teile unseres Gehirns spielen, wie
unsere Sinne dabei mitspielen, welche Strukturen vorhanden sind,
und welche Mechanismen an dem, was wir Denken und Handeln nennen,
beteiligt sind.
Das Interessanteste daran sind die detaillierten Beschreibungen
sowie das Bildmaterial, das durch die neuen Techniken erst ermöglicht
wurde. Liest man hingegen jene Teile, in denen nicht beschrieben,
sondern interpretiert wird, und vergleicht viele diese Ver-Theoretisierungen
mit dem Ausgangsmaterial, stellt man fest, daß sich viele
der - in den Beschreibungen dargelegten - Zusammenhänge
in der Interpretation nicht wiederfinden.
Was man an Interpretationen vorfindet, ist über weite
Strecken davon geprägt, die neuen Ergebnisse mit den alten
Vorstellungen in Einklang zu bringen. Als ob das die Aufgabe
wäre?!
Prüft man nach, wird deutlich, daß in all dem,
was über Denken, über Bewußtsein sowie über
Sprache und Kultur geschrieben wird, sehr vieles nicht zusammenpaßt.
Dieses Nichtzusammenpassen hat viele Formen: vieles, das unbedingt
getrennt zu behandeln wäre, wird vermantscht; manches, das
heute getrennt gedacht wird, müßte zusammengefaßt
werden; viele Vorstellungen, deren Bezüge prozeßhaft
untrennbar zusammenhängen, werden einander als konträr
gegenübergestellt und als einander ausschließend behandelt.
Überall Dissonanzen.
Wir brauchen eine neue Synthese
Zieht man all das in Betracht, kommt man einfach nicht darum
herum festzustellen, daß das große Reinemachen ausgeblieben
und eine neue Synthese im Denken über das Denken
und - gleichzeitig und damit verbunden - eine neue Synthese im
Denken über Sprache und eine neue Synthese im Denken
über Kulturen erforderlich ist.
Wir brauchen eine neue Synthese, weil in den alten Vorstellungen
- mit denen man die neuen Ergebnisse in Einklang zu bringen versucht
- neben vielem Richtigen und Wichtigen schwere Denkfehler
enthalten sind, die mit dem neuen Wissen einfach nicht in Einklang
gebracht werden können.
Manche dieser Denkfehler sind Vorstellungen, die nicht nur
von einem einzigen, sondern von mehreren Wörtern - die wir
für Begriffe halten - ausgelöst werden; Denkfehler,
die - um ein weit hergeholtes Bild zu gebrauchen - die Wirkung
einer Wasserscheide haben. Begeht man einen solchen Denkfehler,
fließt alles in das eine Tal - denkt man es anders,
fließt alles in eine andere Richtung, in ein anderes Tal.
Die neue Synthese wäre dann - nach diesem Bild - das
andere, das neue Tal. Und die Aufgabe, die wir hätten wäre,
dieses neue Tal von seinen Bestandteilen her aufzubauen, seine
Landschaften zu beschreiben und es - vorläufig einmal grob
- zu kartographieren.
Einige der Grundvorstellungen, an denen eine neue Synthese
ansetzen muß
Das Entscheidende am Fortschritt der Wissenschaften sind schon
seit längerem nicht mehr die Aussagen, nicht die
Verkettung der Aussagen zu Theorie-Gebäuden, nicht
einmal die Axiome, sondern die Grundvorstellungen,
die in die Begriffsbildung eingehen und ernstgenommen werden.
Die neue Synthese muß an Grundvorstellungen ansetzen.
(Ob es sich um neue Vorstellungen oder um längst bekannte
Vorstellungen handelt, die aber nicht ernstgenommen oder nicht
ausreichend berücksichtigt wurden, ist dabei sekundär.)
Menschen sind Lebewesen
Die zentrale Vorstellung, die - bei einer neuen Synthese -
ernstgenommen werden muß, ist: "Menschen sind Lebewesen".
Und das hat Implikationen, die ebenfalls ernstgenommen werden
müssen.
Die Grundphänomene alles Lebenden, auf die es hier ankommt,
sind:
- erstens, die Prozeßhaftigkeit allen Lebens und
- zweitens, die Tatsache, daß es kein von der Umwelt
abgeschlossenes Leben - keine Isolate - geben kann.
Biostruktur des Menschen
Obwohl wir noch weit davon entfernt sind zu wissen, wie Denken
insgesamt funktioniert, muß vieles von dem, was wir über
die Biostruktur der Körper und Gehirne von Menschen wissen,
unbedingt beachtet werden. Manches, das seit Jahrhunderten bekannt
ist, wurde nicht ernstgenommen. Die letzten Jahre haben viele
Einsichten erbracht, die als gesichert gelten. Vorstellungen
über das Denken, die mit diesem Wissen nicht in Einklang
gebracht werden können, bedürfen dringend einer Überprüfung.
Einiges von dem, was unbedingt ernstgenommen werden muß,
ist:
- Der Körper des Menschen - wie auch sein Nervensystem
- besteht aus vielen verbundenen, aber teilautonomen Einheiten.
Das zeigt sich bei Verletzungen aber auch am ganz normalen Funktionieren
der Steuerungsvorgänge im Körper.
- Wir haben mehrere Sinne, über die wir Informationen
aus der Umwelt aufnehmen.
- Das Nervensystem enthält eine ungeheure Vielzahl
und Vielfalt von Neuronen und von Verbindungen zwischen Neuronen.
- Der Strom des Auf-uns-Zukommenden ist aus Einzelnem
zusammengesetzt, das je einzeln aufgenommen wird.
All das Einzelne muß zu dem zusammengebaut werden, was
unseren Sinneseindrücken entspricht.
- Es gibt mehrere Mechanismen, die sicherstellen, daß
Gleiches sich nicht gleich wiederholt. Nervenzellen, die fortgesetzt
gleich stark aktiviert werden, lassen sich nicht weiter erregen,
sondern klingen ab. Von derselben Stelle Ausgehendes wird nicht
von denselben Rezeptoren aufgenommen. Selbst wenn wir unsere
Augen auf Unbewegtes fixieren, wird das Licht, das nacheinander
von derselben Stelle kommend bei uns eintrifft, von verschiedenen
Rezeptoren aufgenommen. Körperbewegung, Kopfbewegung, Sakkaden
und Trebble sorgen dafür.
- Weder die Ausgangslage, auf die ein eintreffender Strom trifft,
noch die Erregungszustände unseres Nervensystems können
jemals mit früheren gleich sein.
- Es gibt einen Mechanismus der wunderbaren Vermehrung jeder
eingetroffenen Information, jenen Mechanismus, den ich Plurifurkation
nenne. Die Weitergabe von Information im Gehirn findet nicht
in Form von Bifurkationen, durch Gabelung, bei der >der
eine oder der andere Weg< eingeschlagen werden kann -
also nicht durch ein >entweder/oder< - sondern durch
eine >Vielgabelung<, eine >Plurifurkation<,
bei der >viele Wege gleichzeitig< begangen werden
- also in Form eines >Sowohl/als auch< - statt.
- Plurifurkation führt auch dazu, daß Informationsweiterleitungen
- von verschiedenen Ausgangslagen aus - in dieselben Teilnetze
fließen können.
Auf der Ebene des Denkens
- Es gibt kein Denken - und schon gar kein rationales Denken
- ohne Gefühle.
- Die Logik ist - wie jedes Wissen und jedes System von Regeln
für Verhalten - ein kulturelles Produkt. Logik ist den Denkvorgängen
nur zuordenbar - sie kann sie nicht ersetzen. Die Logik ist den
Denkvorgängen nicht übergeordnet. Im Gehirn gibt es
kein Hierarchien dieser Art.
- Denkvorgänge funktionieren auf der Basis von >sowohl/als
auch< (mit verschiedenen Intensitäten und anderen Eigenheiten)
und nicht auf der Basis von >entweder/oder<.
Entscheidene Punkte der Argumentation:
Bemüht man sich, Denken und Handeln zu verstehen, muß
berücksichtigt werden, was sich aus dem eben erwähnten
ergibt:
Einzigartigkeit
Das Grundphänomen "Einzigartigkeit" bedeutet:
daß es keine zwei gleichen Menschen gibt, daß es
keinen gleichbleibenden Menschen gibt, daß es nichts Gleichbleibendes
in Menschen gibt (es kann sich nur Ähnliches wieder aufbauen),
daß es in Menschen nichts Sich-gleich-Wiederholendes gibt
(nicht einmal Rhythmen: wenn der Herzrhythmus sich öfter
exakt gleich wiederholt, stirbt man), daß es keine zwei
gleichen Erfahrungen gibt.
Prozeßhaftigkeit
Das Grundphänomen "Prozeßhaftigkeit"
bedeutet, daß Menschen sich ständig verändern,
daß es also auch bei einem einzelnen Menschen keine zwei
gleiche - identisch wiederholte - Prozesse gibt (Denken und Erfahren)
eingeschlossen. Es gibt also keine Gegenstände im Kopf.
Und: An der Identität eines Menschen - ist nichts "identisch"!
Menschen sind - auch informationell - keine Isolate
Aus der zentralen Vorstellung "Menschen sind Lebewesen"
ergibt sich - wie oben erwähnt - das Grundphänomen
"es gibt keine Isolate". Lebewesen sind gleichzeitig
offen und selbstregulierend. Die Vorstellung (eines Teils) der
Konstruktivisten von einem informationell geschlossenen System
ist falsch. ("Maturana, Varela schlagen vor, lebende Systeme
als zwar energetisch offen, aber ... informationell geschlossen
zu betrachten" (Hejl 1992, S. 116) Die in diesem Vorschlag
enthaltene Behandlung von >energetisch< und >informationell<
nach dem Denkmuster >entweder/oder< ist schlicht unsinnig.)
"Offen sein" heißt ständige Interaktionen,
heißt daß Menschen (wie alle Lebewesen) ununterbrochen
mit der Umwelt interagieren, ununterbrochen aufnehmen und abgeben,
ununterbrochen die Welt um sie herum beeinflussen und ununterbrochen
von der Welt um sie herum beeinflußt werden
"Selbstregulierend" heißt ständige Intra-Aktionen
in Menschen. Ich meine damit die Aufnahmen und Abgaben, die Weiterleitungen
und den Empfang von Weitergeleitetem, durch die Potentiale verändert,
Verarbeitungen eingeleitet, Produkte erzeugt (zusammengebaut
oder zerlegt), Energien verbraucht oder abgegeben werden und
das zum Teil auch dort, von wo die Weiterleitungen ausgegangen
sind.
Menschen müssen sowohl als Einheit als auch als Verbund
teilautonomer Einheiten gedacht werden
Hier gibt es noch ein weiteres Problem, das in dem Wort "selbst-regulierend"
versteckt ist. Die Vorstellung, die der Wortteil "selbst"
in uns auslöst, verweist auf etwas in der Einzahl.
Wir sind aber keine Einzahl. Jedenfalls nicht nur eine
Einzahl, sondern auch eine Mehrzahl. Jedes >entweder/oder<
ist hier fehl am Platz. (Was hier Widerspruch zu sein scheint,
liegt in unseren Vorstellungen davon, wie Denken zu erfolgen
hat - nicht in der Wirklichkeit.) Wir sind beides.
Das folgt aus der Tatsache ständiger "Intra-Aktionen":
Der Mensch als Einheit ist ein lebender Verbund zusammenhängender,
interagierender, teilautonomer Einheiten, von denen nie alle
an ein und demselben Ablauf beteiligt sind.
Es gibt auch in Menschen keine Isolate
Es gibt im Menschen auch keine von allem anderen abgeschlossenen
Isolate. Isolierte Vorstellungen, Ideen oder Begriffe kann es
nicht geben. Sie können nur in ablaufenden Prozessen entstehen
- sonst wären sie nicht zugänglich.
Unwiederholbarkeit
Aus der Prozeßhaftigkeit in Verbindung mit der Komplexität
des Aufbaus der Biostruktur des Denkens, des Nervensystems, ergibt
sich das Grundphänomen "Unwiederholbarkeit": Keine
Lebenssituation ist wiederholbar !
Exkurs: Die Vorstellung "Begriff"
Z.B. müßte die Vorstellung gleichbleibender - und
überdies in mehreren Menschen identisch vorliegender - Begriffe
als Basis für den Bau eines Gesamtmodells des Denkens bzw.
des sprachlichen Denkens wissenschaftlich sofort abgeschmettert
werden. Die Wiederholung einer identischen Erregungskonfiguration
hat, sehr restriktiv berechnet, eine Wahrscheinlichkeit des Auftretens
von 1 mal in 10 3000 - das entspricht einer Eins mit dreitausend
Nullen (Pöppel 1996). Im Vergleich dazu: "Ein sehr
langes Leben dauert drei Milliarden Sekunden oder größenordnungsmäßig
eine Milliarde Atemzüge, was einer Eins mit nur neun Nullen
entspricht." (Pöppel 1996). Etwas, das eine so geringe
Wahrscheinlichkeit hat, könnte als Basis eines Modellbaus,
in dem solches Auftreten die zentrale Rolle spielt, nicht akzeptiert
werden.
Der Alltag ist spezialisiert
Lebewesen spezialisieren sich auf ihre Umwelten. Auch Menschen.
Aus der Biostruktur des Nervensystems, aus der Prozeßhaftigkeit
allen Lebens, und aus der Tatsache, daß Menschen keine
Isolate sondern offen sind, ständig Informationen aus der
Umwelt aufnehmen und sich dabei und dadurch verändern, ergibt
sich, daß Menschen lernende Wesen sind.
Denken - ein sozio-individueller Prozeß
Aus der Tatsache, daß Menschen politische und soziale
Tiere sind folgt, daß Menschen besonders stark von anderen
Menschen beeinflußt werden und andere Menschen beeinflussen.
Für das Denken folgt daraus, daß Denken zwar ein
Prozeß ist, der in einzelnen Menschen abläuft, daß
die Vorstellung, daß Denken ein ausschließlich individueller
Prozeß ist, aber schlicht falsch ist.
Denken ist ausschließlich individuell in bezug
auf die organische Einbettung der Abläufe, in bezug auf
die Unmöglichkeit, daß zwei Menschen identische Informationen
aus ihrer Umwelt empfangen und durch die sich daraus ergebende
Einzigartigkeit aller Erfahrung.
Denken ist aber kein ausschließlich individueller
Prozeß. Denn: was wir denken, wie wir etwas denken haben
wir zu einem großen Teil von anderen Menschen gelernt.
Denken ist also auch ein sozio-individueller Prozeß.
Spezialisierung auf die Mitmenschen
Menschen sind Lebewesen, die - im Zuge der Spezialisierung
auf die jeweiligen Umwelten - besonders viel von anderen Lebewesen
der eigenen Art lernen. Darin liegt die Basis des Charakters
der nicht nur sozialen, sondern auch sozio-individuellen Prozesse,
die ein wichtiger Teil dessen sind, was Menschsein ausmacht.
Im Zuge der Spezialisierung auf die Mitmenschen lernt man,
was diese Menschen gelernt haben, was diese Menschen erfahren
haben, was sie daraus für Schlüsse und Lehren gezogen
haben, und welches Verhalten sie dabei und daraus entwickelt
haben.
All das hat sich in der Vergangenheit abgespielt. Wenn man
sich auf die Mitmenschen spezialisiert und von ihnen lernt, lernt
man immer über Vergangenes, das ebenfalls in sozio-individuellen
Prozessen des menschlichen Lebens entstanden ist. Dieses Lernen
von Vergangenem - in der jeweiligen Gegenwart - ist die Basis
für die Tradierung von Denk- und Verhaltensweisen.
Im Zuge dieser Spezialisierung auf die Mitmenschen - die dadurch
auch eine Spezialisierung auf Gegenwart und Vergangenheit ist
- verbreiten sich die Denk- und Verhaltensweisen eben dieser
Mitmenschen. Und zwar durch je individuellen Neuerwerb, durch
je individuelle Neuschaffung - durch Lernen.
Die Welten des Alltags sind spezialisiert
Die Umwelten, auf die Menschen spezialisiert sind, sind die
- unbelebten und lebenden - Welten ihres Alltags. Der Alltag
ist spezialisiert. Aus der gegenseitigen Spezialisierung der
Menschen aufeinander entstehen die kulturellen Spezialisierungen
des Alltags. Und die individuelle Spezifik des Verhaltens der
Einzelnen, die zugleich die sozio-individuellen kulturellen Formen
schafft. Dazu gehört auch das Wissen: Alles Wissen ist
kulturell.
Jeder Mensch ist in mehreren Teilkulturen spezialisiert
Aber nicht jedes Verhalten ein und derselben Person
ist gemäß derselben Kultur spezialisiert. Jeder
von uns ist in mehreren Teilkulturen spezialisiert. Jede
und jeder von uns leben tagtäglich in verschiedenen Lebens-
und Handlungswelten, und damit in verschiedenen Teilkulturen,
in mehreren überlappenden Teilkulturen, die in einander
übergehen, die vieles gemeinsam haben, aber doch auch große
Unterschiede aufweisen.
Kultur und Sprache sind Spezialisierungen von Menschen
auf ihre Mitmenschen
Die beiden wichtigsten Formen, die unter Menschen durch das
Lernen von den Mitmenschen entstehen, sind Kultur und Sprache.
Denn Menschen sind auf ihre Umwelten spezialisiert.
Sprachen und Kulturen sind Spezialisierungen von Menschen
auf ihre Umwelten, auf ihre Umgebungen, auf ihre Mitmenschen
mit ihrer Geschichte, mit ihren Verhaltens- und Kommunikationsweisen.
Das ununterbrochene Lernen von Menschen in der Spezialisierung
auf ihre jeweiligen Mitmenschen bewirkt somit auch die Entstehung,
Weitergabe und langsame Veränderung der Gestik, der Sprache
und der Kulturen.
Und damit - über die Spezialisierung der Menschen auf
ihre Mitmenschen - hebt sich auch der scheinbare Widerspruch
von Einzigartigkeit und kulturellen Gemeinsamkeiten auf.
Zusammenfassung
All das spielt sich im abgewerteten, verteufelten,
als ungenau und sekundär eingeschätzten
Alltagsdenken ab.
Wir müssen dem Alltagsdenken seine Art von Eigenverständigkeit,
Eigenrationalität und Eigenvernünftigkeit wieder zubilligen,
ohne die Alltagsleben nicht funktionieren könnte. Das Alltagsdenken
bedarf auch dringend weiterer Erforschung - nicht nur, weil es
solange zu wenig beachtet wurde, sondern auch, weil von der Art
seines Funktionierens und von seinen Ergebnissen das Schicksal
von Menschen und Gesellschaften oft stärker betroffen ist,
als von wissenschaftlicher Reflexion.
Auch eine neue Synthese im Denken über das Denken muß
an den Phänomenen des Alltagsdenkens ansetzen, denn im Alltagsdenken
kommen alle Arten der unzähligen und unendlich vielfältigen
Vorgänge des Denkens vor, die der Erklärung bedürfen.
© Arne Haselbach 2000
Anmerkung
*
Arne Haselbach, "Alltag und wissenschaftliches Denken",
in: Mitbestimmung, Heft 6/2000, Wien 2000, S. 3-8
Bibliographie
KUHN, Thomas S. »Die Struktur wissenschaftlicher
Revolutionen«, Frankfurt/Main 1976
Ernst Pöppel »Radikale Syntopie
an der Schnittstelle von Gehirn und Computer« in: Maar
et al. »Die Technik auf dem Weg zur Seele« Reinbek
1996, S. 12-29
HEJL, Peter M. »Konstruktion der sozialen
Konstruktion - Grundlinien einer konstruktivistischen Sozialtheorie«
in: Heinz von Foerster et al. »Einführung in den Konstruktivismus«,
München 1992, S. 109-146

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