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1. Entwicklungsländer im Schulunterricht
Eine besonders glückliche Fügung gab mir 1964 die
Chance, ein vom damaligen Außenminister Dr. Bruno Kreisky
neugeschaffenes internationales Institut, das Wiener Institut
für Entwicklungsfragen, aufbauen zu helfen, dessen Ziel
es war, in den Industrieländern Verständnis für
Entwicklungsländer zu wecken. Gleich nach seiner Gründung
begann das Institut Seminare für österreichische Lehrer
über Entwicklungsländer zu organisieren, um auf diesem
Wege zu einer weltoffeneren Erziehung der österreichischen
Jugend beizutragen. Zu dieser Zeit gab es nur wenig Material
über die dabei anfallenden methodischen und inhaltlichen
Fragen. Was es gab, kam zumeist von Unesco, die sich der Vermittlung
außereuropäischer Kulturen, und dem Schulbuchinstitut
in Braunschweig, das sich der Überwindung innereuropäischer
Konflikte durch Abbau von Feindbildern widmete.
Das auf diesem Wege geweckte Interesse an der inhaltlichen
Arbeit von Unesco ließ mich bald Kontakt mit der von Frau
Hofrat Dr. Minna Lachs geleiteten vorbildlichen Arbeit der Österreichischen
Unesco-Kommission im Bildungsbereich und der Förderung der
Unesco-Modellschulen finden. 1968 wurde ich in den Fachausschuß
für Erziehung der Österreichischen Unesco-Kommission
kooptiert. Zu jener Zeit bereitete das Wiener Institut eine Ausstellung
über die Erziehungsarbeit der Unesco vor, die am 21. Jänner
1969 vom Bürgermeister der Stadt Wien in der Volkshalle
des Wiener Rathauses eröffnet wurde, als Wanderausstellung
bis Ende Mai 1969 in St. Pölten, Bregenz, Innsbruck, Klagenfurt,
Salzburg, Graz und Linz gezeigt und von 25.000 Personen, darunter
vielen Schulklassen, besucht wurde.
Da es nur ganz wenig gutes deutschsprachiges Unterrichtsmaterial
über Entwicklungsländer gab, lud das Wiener Institut
die einschlägigen Einrichtungen im deutschprachigen Raum
zu gemeinsamen Bemühungen ein. In der Folge fand in Wien
eine gemeinsame Tagung der für Entwicklungshilfe zuständigen
staatlichen Stellen Deutschlands, der Schweiz und Österreichs
sowie der Unesco-Kommissionen der drei Länder statt, die
ihren Niederschlag in der Publikation "Schule und Dritte
Welt - Die Behandlung der Entwicklungsländer und der Entwicklungsproblematik
in Schulunterricht und Lehrerbildung" fand.
2. Das Wiener Zentrum
1963 konnte das neugegründete Europäische Zentrum
für Koordination und Dokumentation in den Sozialwissenschaften
("Wiener Zentrum"), das die Aufgabe hatte, die Zusammenarbeit
zwischen West- und Osteuropa in den Sozialwissenschaften zu ermöglichen,
aufgrund eines Vertrages zwischen Unesco und Österreich
in Wien angesiedelt werden. Das Wiener Zentrum, dessen Gründung
einen ersten Schritt zur Überwindung der im Kalten Krieg
fast gänzlich eingestellten Zusammenarbeit in ideologisch
heiklen Bereichen darstellte, war für Österreich von
besonderer Bedeutung.
Auch aus diesem Grunde haben die Sozialwissenschaften in der
Zusammenarbeit Österreichs mit der Unesco immer eine wichtige
Rolle gespielt, obwohl Österreich auch in anderen internationalen
Gremien, wie z. B. der OECD, immer für eine stärkere
Berücksichtigung der Sozialwissenschaften eintrat.
Als Sitzstaat hatte Österreich im Wiener Zentrum eine
gewichtige Stimme. Als ich im Jahre 1978 von der ÖUK als
Nachfolger von Prof. Reichhardt für neun Jahre als Vertreter
Österreichs ins Direktorium des Wiener Zentrums entsandt
wurde, hatte der Prozeß des langsamen Abgehens von der
ausschließlichen Konzentration auf internationale vergleichende
Survey-Forschung bereits begonnen. Zusätzlich entstanden
ein Programm sozialwissenschaftlicher Umweltforschung, ein Programm
mit Schwerpunkt auf die Mittelmeerländer, ein Programm über
Stereotypenbildung und auf meine Anregung hin später auch
ein Programm, das die umfangreichen Erfahrungen des Wiener Zentrums
in jener Art von Forschungszusammenarbeit aufarbeiten sollte,
welche die Spezialität des Wiener Zentrums war: eine Forschungszusammenarbeit,
in der mehrere gleichberechtigte Partner mit verschiedenem gesellschaftlichen
Hintergrund zusammenarbeiten, gemeinsam das Forschungsdesign
entwickeln und auch die Auswertung der Daten in gleichberechtigter
Zusammenarbeit erfolgt - eine Art der Zusammenarbeit, die auch
Bedingung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit von Forschern
aus verschiedenen Kulturen ist.
Nach dem Wegfall des Eisernen Vorhangs ging das Interesse
vieler Staaten an der Arbeit des Wiener Zentrums trotz einer
Reihe von Versuchen, es am Leben zu erhalten, so stark zurück,
daß es bald darauf mangels ausreichender Unterstützung
eingestellt werden mußte.
3. Bemühungen um eine Stärkung der Sozialwissenschaften
in der Unesco
Fast gleichzeitig mit meiner Entsendung ins Direktorium des
Wiener Zentrums wurde ich Stellvertreter Prof. Zemaneks, des
damaligen Vorsitzenden des Fachausschusses Sozialwissenschaften
der ÖUK, dem ich bald darauf in dieser Funktion nachfolgte.
Schon 1975 war ich zum Generalsekretär neu gegründeten
Europäischen Vereinigung für Entwicklungsforschung
(EADI) gewählt worden. Die Gründung eines weltweiten
Dachverbandes der Entwicklungsforschung folgte. Dadurch wurde
die Zusammenarbeit mit Sozialwissenschaftern in Europa und der
Dritten Welt zu einem meiner wichtigsten Tätigkeitsbereiche.
Dies wurde 1977 noch verstärkt, als ich vom Generaldirektor
der Unesco zum Mitglied des Beirates des Europäischen Zentrums
für Hochschulbildung (CEPES) in Bukarest ernannt wurde.
In der Folge konnte ich diese überlappenden internationalen
Kontaktnetze für meine Arbeit in Unesco und der ÖUK
nutzen.
1980 lud die ÖUK Vertreter der europäischen Nationalkommissionen
nach Wien ein, um eine gemeinsame Position der europäischen
Sozialwissenschafter für die Unesco-Generalkonferenz in
Belgrad auszuarbeiten. Der wichtigste Punkt der gemeinsamen Forderungen
war die Schaffung eines internationalen wissenschaftlichen Großprogramms
in den Sozialwissenschaften, wie es in den Naturwissenschaften
mehrere gibt, im Mittelfristplan 1984-89 der Unesco.
Doch der Weg dahin war noch weit. Die Finanzierung der sozialwissenschaftlichen
Programme, die in Unesco ohnehin die Rolle der 'armen Verwandten'
spielten, ging weiter zurück.
Meine Arbeit für das Bundesministerium für Wissenschaft
und Forschung über die "Potentielle Rolle von Unesco
in einer internationalen Sozialwissenschaftspolitik" hatte
diese Entwicklungen im Detail belegt und ermöglichte es
mir, die Forderung, ein internationales wissenschaftliches Großprogramm
in den Sozialwissenschaften zu schaffen, als österreichischer
Sprecher für die Sozialwissenschaften dann bei allen weiteren
Generalkonferenzen bis zur Gründung eines solchen Programmes
zu vertreten.
Doch das konnte die weitere Abwärtsentwicklung nicht
stoppen. Eine ad-hoc Krisensitzung im Wiener Zentrum folgte,
von der ein Alarmschrei "What future for the social sciences
in Unesco? - What future for Unesco without social sciences?"
ausging, der den Mitgliedstaaten der Unesco übermittelt
wurde. Erst 1988 hat dann der Exekutivrat der Unesco die Ausarbeitung
einer Unesco-eigenen Studie über "Die Rolle der Sozial-
und Humanwissenschaften in der Unesco" beschlossen, welche
die interne Meinungsbildung in Unesco ebenfalls in diese Richtung
vorantrieb. Eine Konferenz europäischer Sozialwissenschafter
in Santander im Juni 1991 hat dann wichtige Überzeugungsarbeit
geleistet, sodaß bei der Generalkonferenz 1993 die Einrichtung
des ersten und bisher einzigen wissenschaftlichen Großprogramms
in den Sozialwissenschaften im Rahmen der Unesco unter dem Titel
"Management of Social Transformations" (MOST) beschlossen
werden konnte.
Durch all diese Jahre hatte sich Österreich für
die Errichtung eines solchen Programms stark gemacht. Nach der
Übernahme des Vorsitzes des Fachausschusses durch Prof.
Manfried Welan 1993 wurde die Mitarbeit im Vorbereitungsprozeß
für dieses Programm intensiv fortgesetzt: von den vier speziellen
Vorbereitungstagungen war Österreich bei dreien durch Prof.
Anton Pelinka bzw. mich selbst vertreten: bei der allgemeinen
Vorbereitungstagung 1993 in den Niederlanden; bei der Vorbereitungstagung
für das Teilprogramm über "Multikulturelle und
multiethnische Gesellschaften"; die Vorbereitungstagung
für das Teilprogramm "Sozialer Wandel in Städten"
konnte mit Unterstützung der Stadt Wien sogar in Österreich
abgehalten werden. In der Folge wurde Österreich in den
Internationalen Rat des Programmes gewählt und hat aktiv
an dessen Weiterentwicklung mitgewirkt. Österreichische
Projekte im Rahmen von MOST wurden seither unter der Leitung
von Prof. Pelinka und Prof. Richter durchgeführt.
4. Grundlagenforschung in den Sozialwissenschaften
1983 wurde der Fachausschuß, dessen Leitung ich dann
zehn Jahre lang innehatte, in "Sozialwissenschaften und
Entwicklungsforschung" umbenannt, um die Notwendigkeit der
Berücksichtigung sozialer Gegebenheiten und der Kulturen
anderer Teile der Welt bei der Weiterentwicklung der Sozialwissenschaften
hervorzuheben. Begriffe und Methoden der Sozialwissenschaften
ebenso wie deren Aufteilung in getrennte Disziplinen sind ja
Produkte Europas und Amerikas. Um wirklich weltweit zu werden,
müssen sie durch eigenständige Entwicklungen in anderen
Kulturen ergänzt werden. Die Sozialwissenschaften bedürfen
daher systematischer Grundlagenforschung und der Entwicklung
nichthierarchischer Formen internationaler Zusammenarbeit, um
solche eigenständige Entwicklungen zu ermöglichen.
Da auf entsprechende Anregungen bei mehreren Generalkonferenzen
der Unesco trotz Zusagen keine Aktivitäten folgten, haben
wir von der ÖUK aus im Rahmen der beschränkten Möglichkeiten
einzelne Schritte in diese Richtungen im Rahmen der Zusammenarbeit
zwischen europäischen Nationalkommissionen gesetzt.
Zur grundsätzlichen Problematik wurde 1992 ein Workshop
"Über die Notwendigkeit von Grundlagenforschung in
den Sozialwissenschaften" veranstaltet.
Seit 1991 läuft ein Programm über "Überlappende
Teilkulturen und Mehrfachidentitäten", in dessen Rahmen
drei Tagungen in Wien und je eine in Kopenhagen, Ljubljana und
Tallinn auf Einladung der jeweiligen Unesco-Kommissionen abgehalten
wurden. Dieses Progamm geht von der Einsicht aus, daß nicht
nur Nationen oder Ethnien sondern alle Gruppen spezielle Kulturen
entwickeln, daß es innerhalb nationaler Gesellschaften
viele solche Kulturen gibt, daß manche Kulturen nationsübergreifend
sind, daß solche Kulturen einander überlappen und
daß dieselben Menschen in mehreren dieser Kulturen gleichermaßen
zuhause sind, was nur verkraftbar ist, wenn diese Menschen Mehrfachidentitäten
entwickelt haben.
1999 wurden dann die Ergebnisse dieses Programms bei einer
Tagung in der Unesco in Paris in die Prozeßsoziologie eingebettet,
mit dem Elias'schen Begriff "Figuration" verbunden
und in dem Terminus "Polyloge" gefaßt.
Damit war eine für das Verständnis der Entwicklung
von Kulturen und Sprache zentrale Vorstellung gefunden. Für
das Jahr 2001 wird unter dem Titel "Polylogues - Towards
a new synthesis in thinking about language and cultures"
eine internationale Tagung vorbereitet, bei der erste Schritte
in Richtung auf eine solche neue Synthese gesetzt und die erforderlichen
weiteren Arbeitsschritte entwickelt werden sollen.
© Arne Haselbach 2000
Anmerkung
*
Arne Haselbach, "Die ganze Welt - eine Herausforderung für
die Sozialwissenschaften" in: Harald Gardos (Hg.) "50
Jahre Österreichische UNESCO-Kommission", Bundesministerium
für Bildung, Wissenschaft und Kultur - Österreichische
UNESCO-Kommission, Wien 2000, S. 35-39

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