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In der Volkshochschule Brigittenau kann man alle Sprachen
lernen - alle Sprachen, für die es in Wien qualifizierte
Lehrer/innen gibt.
Im Berichtszeitraum umfaßte das Angebot der Volkshochschule
Brigittenau Kurse in 75 verschiedenen Sprachen.
Wie ist diese - auf ersten Blick eher ausgefallene - Zielsetzung
entstanden? Was wird damit bezweckt? Warum soll man in Wien -
und zwar unabhängig davon, welchen Bildungsstand man mitbringt
- jede Sprache lernen können?
Erwachsenenbildung muß transparent sein, will sie ihr
Ziel erreichen. Eine Volkshochschule, die Sprachen als einen
ihrer zentralen Schwerpunkte hat, soll daher offenlegen, was
sie zu dieser Schwerpunktsetzung veranlaßt hat und womit
Kursteilnehmer/innen rechnen können, wenn sie eines der
Angebote annehmen.
Welches Verständnis von Spracherwerb und Sprachunterricht
liegt dem umfangreichen Sprachangebot der Volkshochschule Brigittenau
zugrunde? Welche methodischen und didaktischen Überlegungen
führen zu seiner inhaltlichen Ausrichtung?
Sprachen - Kulturelles Erbe der Menschheit
Wenn wir von der Kultur eines Landes sprechen, denken wir
meist an bekannte Sehenswürdigkeiten, an große Bauwerke,
an historisch bedeutsame Stätten, an Museen und große
Kunstwerke aller Art, manchmal auch an das, was uns die Tourismusindustrie
zeigt oder verkauft, wie Tänze und Trachten, lokale Speisen
und Produkte der Volkskunst.
Eine Kultur besteht aber nicht nur aus Gegenständen.
Was eine Kultur ausmacht ist, wie die Menschen die Welt sehen,
wie sie denken, wie sie sich ausdrücken. Schließlich
sind auch materielle, von Menschen hergestellte Gegenstände,
und seien es die größten Kunstwerke, Ergebnisse einer
Art sich auszudrücken. Auch die Herstellung von Trachten
und lokalem Hausrat beruht keineswegs lediglich auf der Nachbildung
von Formen, sondern auf komplexen Verbindungen von sichtbaren
Zeichen und von Bedeutungen. Das gilt auch für das Verhalten
der Menschen. Solche Verbindungen sind unsichtbare Teile einer
Kultur von großer Gestaltungskraft.
Sprachen sind Verdichtungen dessen, wie große und kleine
Gemeinschaften von Menschen die Welt sehen, wie sie denken, wie
sie sich ausdrücken. Als solche sind Sprachen unverzichtbarer
Teil des kulturellen Erbes der Menschheit, ihrer schöpferischen
Vielfalt.
An Denk- und Ausdrucksmitteln gibt es kein Alleineigentum
- weder von Individuen noch von Kulturen oder Nationalstaaten.
Historisch gewordene und sozial geformte Denk- und Ausdrucksmittel
stellen ein geistiges Vermächtnis der jeweiligen Gemeinschaften
für die ganze Menschheit dar.
Für Einzelne stellt eine zusätzliche Sprache eine
Quelle innerer Bereicherung dar, sie ermöglicht neue Erfahrungen
und schafft Zugang zu Produkten menschlichen Geistes, die sonst
verschlossen bleiben würden. Hat man sich mit einer weiteren
Sprache vertraut und sich die in ihr angelegten Sichtweisen zueigen
gemacht, ist die eigene Welt anders, reicher, vielfältiger
geworden.
Die Volkshochschule Brigittenau betrachtet die Vermittlung
wichtiger Teile des kulturellen Erbes der Menschheit als ihren
Bildungsauftrag. Sie hat das Vermächtnis der Kulturen an
alle anderen angenommen und sieht es als Verpflichtung an, Österreicherinnen
und Österreichern den Erwerb der Vielfalt der Denk- und
Ausdrucksmittel der Menschheit zu ermöglichen.
Das alles ist Grundlage einer Programmpolitik, die auch bewirkt,
daß man in der Volkshochschule Brigittenau eine ganze Reihe
von Sprachen lernen kann, die sonst in Österreich nirgends
angeboten werden.
Sprachen - Verbindung von Mensch zu Mensch
Unsere Welt ist von wachsender Mobilität gekennzeichnet.
Veränderungen der Techniken und der Strukturen der Wirtschaft,
die Verlagerung von Arbeitsplätzen und die weltweite Verteilung
von Reichtum und Armut, aber auch politische Ereignisse, führen
dazu, daß Menschen sei es innerhalb ihrer angestammten
Gemeinschaften ihre engere Heimat verlassen, sei es in andere
Länder und Kulturen übersiedeln oder flüchten
müssen. Gegenden, in denen bis vor wenigen Jahren von der
Bevölkerung überwiegend eine einzige Sprache gesprochen
wurde, sind heute mehrsprachig. Staaten mit einer einzigen Amtssprache
wachsen mit anderen Staaten zusammen, in denen andere Sprachen
gesprochen werden.
In einer solchen Welt sind Sprachen nicht nur Mittel innerer
Bereicherung, sie sind auch - in mehrerer Hinsicht - unendlich
praktisch.
In einer solchen Welt, die auch die unsere ist, begegnet man
immer öfter Menschen - von Person zu Person -, die in anderen
Kulturen und mit anderen Sprachen aufgewachsen sind. Sie arbeiten
in derselben Firma, wohnen oft im selben Haus - sie sind unsere
Nachbarn. Man trifft sie auf der Straße, im Lokal, in der
Straßenbahn. Sie sind unsere Mitbürger.
Sprachen schaffen die Möglichkeit, mit Menschen, die
in anderen Kulturen und mit anderen Muttersprachen aufgewachsen
sind, in Austausch zu treten, mit ihnen zu reden, sie - ohne
viel Mißverständnisse - zu verstehen, schaffen die
Möglichkeit, so auf sie einzugehen, wie auch wir gerne möchten,
daß sie auf uns eingehen.
Auch wenn es im heutigen gesellschaftlichen Diskurs oft unter
den Tisch fällt: Im Leben zählt nicht nur beruflicher
Erfolg. Menschsein ist mehr. Zwischenmenschliche Kontakte, schöne
gemeinsame Erlebnisse mit anderen Menschen sind ebenso wichtig.
All das, das Entstehen von guten Bekanntschaften, das Finden
von Freunden in gemischten Gesellschaften wird leichter, wenn
man ihnen zeigt, daß man sie ernstnimmt und sie schätzt,
wie sie sind - dazu gehört auch, daß man sich bemüht,
ihre Sprache zu lernen.
In der Europäischen Union ist die Mobilität aller
Bürger verbrieftes Recht. Zusammenarbeit und Arbeitsteilung,
ob grenzüberschreitend oder innerhalb eines Landes, zwischen
Bürgern verschiedener Mitgliedsstaaten verbreiten sich rasch.
Wer die Sprachen anderer EU-Staaten beherrscht, wird es leichter
haben, sich daran zu beteiligen.
Doch Wirtschaftsprozesse machen auch an den Grenzen der EU
nicht halt. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs haben sich unsere
Kontakte, nicht nur die wirtschaftlichen, auch mit unseren übrigen
Nachbarländern verstärkt. Die Kenntnis der Sprachen
unserer Nachbarländer - früher nur bei gelegentlichen
Urlaubsaufenthalten gefragt - kann heute vielfach genutzt werden.
Sprachen - berufliche Fertigkeit
Unendlich praktisch, ja oft unabdingbar, sind Sprachen auch
deshalb, weil immer mehr Arbeitsplätze - bei steigender
Tendenz - Fremdsprachenkenntnisse zur Voraussetzung haben.
Und das nicht nur in jenen wirtschaftlichen Berufen, die Güter
für den Export produzieren. Auch andere Wirtschaftszweige
stehen in ständigem internationalen Kontakt, der oft auf
Englisch oder in einer der anderen internationalen Handelssprachen
abgewickelt wird. Tochtergesellschaften ausländischer Firmen
haben oft eine andere Sprache als Deutsch zur Konzernsprache.
Fremdsprachen sind auch nicht nur auf höheren Ebenen
der Betriebshierarchien wichtig. Auch im Handel werden Verkäuferinnen
mit Fremdsprachenkenntnissen anderen vorgezogen, die nicht über
solche Kenntnisse verfügen. Dies trifft aber nicht nur im
Handel zu. In einer Großstadt wie Wien, mit ihren bedeutenden
Sehenswürdigkeiten und ihrem intensivem kulturellen Leben,
die zu allen Jahreszeiten von einer großen Zahl von Touristen
besucht wird, sind Fremdsprachenkenntnisse bei Bewerbungen insbesondere
für alle Stellen, die Kundenkontakt haben, von Vorteil und
können den Ausschlag für die Einstellung geben.
Sprachkurse in den wichtigsten Handelssprachen - ob am Vormittag,
Nachmittag oder Abend, unter der Woche oder an Wochenenden, von
verschiedener Intensität und Dauer, mit oder ohne Zertifikat
- stellen, zusammen mit den Kursen in Sprachen der Nachbarländer
und der Wienbesucher, auch den überwiegenden Teil all der
Menschen, die in der Volkshochschule Brigittenau Sprachen lernen.
Sprachkurs ist nicht gleich Sprachkurs
Sprachschulen leben davon ihre Kurse als Produkt auf einem
mittlerweile heiß umworbenen Markt zu verkaufen. Dennoch
- und hier liegt ein Hauptaugenmerk der Volkshochschule Brigittenau
- Sprache kann nicht, Sprachkurse sollen nicht den herrschenden
Gesetzen des Marktes unterworfen werden.
Angebote mit attraktiven Namen (z.B. Crashkurse, Superlearning,
Non-Stop) mögen zwar kurzfristig den einen oder anderen
"Kunden" bringen. Schöne Verpackungen und geschickte
Verkaufsstrategien sichern aber keinen langfristigen Lernerfolg.
Die Metapher vom Kunden, der König ist, ist hier nicht zuftreffend.
Denn zum Sprachenlernen braucht man keinen König, man braucht
die Zusammenarbeit von Experten. Beim Sprachenlernen in Kursen
müssen mindestens drei Experten ihre verschiedenen Qualifikationen
einbringen: die Lernenden, die Unterrichtenden und die Volkshochschule.
Wer hat im Sprachkurs das Sagen?
Kursteilnehmer/innen sind Experten. Sie bringen ihre bisherigen
Lebenserfahrungen, ihr "Weltwissen" und ihre individuellen
Lernstrategien mit in den Kurs. Die "Hauptarbeit" des
Lernprozesses wird unter Zuhilfenahme dieses reichen Reservoirs
an Vorerfahrungen von den Lernenden übernommen. Die Unterrichtenden
bringen ihre sprachlichen, methodisch-didaktischen und sozialen
Kompetenzen ein, um die Teilnehmer/innen auf dem Weg zu ihrem
Lernziel kompetent zu unterstützen. Die VHS Brigittenau
zeichnet für die Bereitstellung adäquater Rahmenbedingungen
verantwortlich und bringt fachlich kompetente Beratung und Begleitung
vor und während des Lernprozesses ein.
Prinzipien des Sprachunterrichts
Das Zusammenspiel dieser drei "Experten" führt
dann zum Erfolg, wenn bestimmte - für den Spracherwerb notwendige
- methodisch-didaktische und linguistische Grundprinzipien Beachtung
finden.
- Der Mythos von homogen Gruppen prägte und prägt
viele Kursdesigns. Im Bereich der Erwachsenenbildung (wie auch
in Schulen) gibt es keine einheitliche Zielgruppen mit einheitlichen
Lernvoraussetzungen und Lernzielen. Also kann es im breiten Kanon
unterschiedlicher Methoden auch keine beste Methode geben, zu
welcher Sprachkursanbieter oder Trainer/innen Zuflucht nehmen
könnten.
- Im Sprachunterricht geht es nicht (nur) um das kognitive
Lernen von (nach einem, zwei oder mehreren Semestern quantitativ)
messbaren Faktenwissen wie Grammatik, Lexik oder gar um abgehackte
Kapitelüberschriften im Lehrbuch. Es geht zu einem beträchtlichen
Ausmaß um den Erwerb von Fertigkeiten und Fähigkeiten
in fremdsprachigen Kommunikationssituationen für das konkrete
Lebensumfeld der Lernenden.
- Die im Sprachunterricht erarbeiteten Inhalte und Bereiche
können sinnvollerweise nur ausgehend von individuellen Bedürfnissen
und nach den von den Teilnehmer/innen mitgebrachten Vorkenntnissen
bzw. Voraussetzungen zusammengestellt werden.
- Kurstragende Lehrwerke orientieren sich in der Regel stark
an bestimmten methodischen und didaktischen Vorstellungen bzw.
an ganz bestimmten Progressionsmodellen und Inhalten. Oft sind
diese Unterrichtsmaterialien nicht direkt kompatibel mit den
Bedürfnissen der Teilnehmer und den Mechanismen des Spracherwerbs.
Die Auswahl bzw. die Zusammenstellung des jeweiligen Kursmaterials
muß immer in Abstimmung mit den individuellen Bedürfnissen
der Teilnehmer/innen erfolgen. Authentisches Material mit Bezug
zu konkreten Lebenssituationen der Lernenden fördert den
Lernerfolg und ist didaktisierten (mitunter auch infantilisierten)
Texten vorzuziehen.
- Grammatik, Lexik, Phonetik usw. sind Mittel zum Zweck und
niemals sinnvolle Ziele zur Erreichung allgemeinen Kommunikationsfähigkeit.
Grammatik wird anhand von Texten erlernt. Das ist die Umkehrung
einer weitverbreiteten Praxis. Nicht "von der Regel zur
Sprache", sondern "von der Sprache zur Regel"
unterstützt den Spracherwerb.
- Erwachsene Lerner/innen verfügen über individuelle
Lernvorerfahrungen und meistens ganz bestimmte Erwartungen. Lernstile
und Lernverhalten sind in der Regel von der schulischen Sozialisation
der Lernenden abhängig. Eine wichtige Aufgabe der Unterrichtenden
liegt darin, Lernstile der Teilnehmer/innen zu erkennen und Hilfestellung
zu leisten, wenn ein bestimmtes Lernverhalten den allgemeinen
Grundlagen des Spracherwerbs erschwerend entgegensteht.
- Die weitverbreitete Zielsetzung: möglichst bald, möglichst
wenige Fehler zu machen behindert den Spracherwerbsprozeß.
Denn wenige Fehler machen in der Regel nur jene Lerner, die wenig
produzieren. Die aktive Auseinandersetzung mit Sprache ist allerdings
für den Spracherwerb wichtig. Das heißt, der Unterrichtende
muß für ein Lernumfeld sorgen, welches die Angst vor
dem Fehlermachen (im geschützen Umfeld der Kleingruppe)
möglichst hintanhält.
- Wichtiger Bestandteil der sprachlichen Kompetenz ist die
Aneignung der vier Grundfertigkeiten. Hier gilt die einfache
Grundregel: Wer sprechen will, muß viel sprechen; wer lesen
will, muß viel lesen; wer schreiben will, muß viel
schreiben; wer Gehörtes verstehen will, muß viel hören.
- Die anteilsmäßige Verteilung der Aktivitäten
zum Training der Grundfertigkeiten im Unterrichtsverlauf ist
von den vorhandenen sprachlichen Kompetenzen abhängig. Im
Anfängerunterricht werden die rezeptiven Fertigkeiten stärker
geschult; bei Fortgeschrittenen wird ein besonderes Augenmerk
auch auf die sprachliche Produktion gelegt werden.
- Sprachschulen (und Schulen) leben teilweise vom Mythos, daß
Sprachenlernen schwierig und anstregend sei. Doch, es geht auch
anders. Lustvoller, engagierter und angstfreier Unterricht sichern
den individuellen Erfolg aller Beteiligten. Die traditionelle
"Belehrungsdidaktik" wird durch eine "Ermöglichungsdidaktik"
ersetzt. Die Unterrichtenden "erzeugen" nicht das Wissen
in den Köpfen der Lernenden. Sie ermöglichen Prozesse
der selbstätigen und eigenständigen Wissens erschließung
und Wissensaneignung. Für den Fremdsprachenunterricht bedeutet
dies, daß das Konfrontieren der Lernenden mit für
diese sprachlich relevanten Inhalten eine der wichtigsten Aufgaben
der Unterrichtenden ist.
- Die Ausbildung und kontinuierliche Weiterbildung der Lehrenden
ist ein wesentlicher Faktor für den erfolgreichen Spracherwerb
in Kursen. Neben hoher sprachlicher Kompetenz müssen Kursleiter/innen
über methodisch-didaktische Fertigkeiten sowie über
Kenntnisse in den Bereichen Linguistik, Spracherwerbsforschung
und interkultureller Kommunikation verfügen. Für das
Leiten von Gruppen und das Wahrnehmen von Gruppenprozessen ist
außerdem eine hohe kommunikative und soziale Kompetenz
erforderlich.
- Wer im Sprachunterricht tätig ist, kann von sich (wahrscheinlich)
nie behaupten, "ausgelernt" zu haben. Ständige
Weiterqualifikation ist notwendig. Der Verband Wiener Volksbildung,
der VÖV und die Volkshochschule Brigittenau sorgen für
eine breite Palette von Weiterbildungsangeboten.
- Weiterbildung darf nicht zu eng abgesteckt werden. Für
die Weiterentwicklung der eigenen Qualifikationen ist der Besuch
klassischer Seminare und Lehrgänge, fachspezifischer Symposien
oder Fachtagungen wichtig, aber es kann auch nützlich sein,
selbst einen Sprachkurs zu besuchen und so den Lernprozeß
wieder aus der Sicht eines Kursteilnehmers zu erleben. Um ihr
Ziel, qualitativ hochwertige Kurse in allen Sprachen anzubieten,
legt die Volkshochschule Brigittenau größten Wert
auf Weiterbildung ihrer Kursleiter/innen.
© Arne Haselbach / Andreas Paula 1998
Note
* HASELBACH,
Arne - PAULA, Andreas »Wir unterrichten alle Sprachen«
in: VWV »Tätigkeitsbericht 1994-1997« Verband
Wiener Volksbildung, Wien 1998, S. 116-120

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