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Ich wurde eingeladen, mir den Kopf darüber zu zerbrechen,
>ob und wie Kulturaustausch in der Sprachausbildung möglich
ist, was man dazu beitragen und wie man ihn fördern kann<.
Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen. Was daraus
wurde ist dieses kurze Referat, dem ich den Titel >Sich
Einlassen auf Unvertrautes< gegeben habe.
Für eine systematische Darstellung auch nur der wichtigsten
Zusammenhänge reicht die Zeit nicht. Ich lege Ihnen daher
einige Skizzen von Teilstücken vor - Werkstattskizzen einzelner
Bauteile aus einer Arbeit im Fluß - und argumentiere im
Telegrammstil.
Es wird dabei nicht um Details und nicht um praktische Handreichungen
dafür gehen, wie Kulturerwerb im Rahmen der Sprachausbildung
möglich ist, sondern darum, welche Qualifikationen gefördert
werden sollen, und insbesondere darum, was die Schlüsselqualifikationen
für Kulturerwerb sind.
Und es kann - da es sich um Kulturerwerb handelt - auch nicht
um Sprache alleine gehen, sondern muß den ganzen Menschen,
seine Vorstellungswelten und seine Verhaltensweisen in die Überlegungen
einbeziehen.
ASPEKTE DES PHÄNOMENS SPRACHE
Wenn man sich von Grund auf überlegt, was eine Sprache
ist und wie Sprachen funktionieren - und sich nicht von einer
der in Frage kommenden Wissenschaften oder Philosophien ans Gängelband
nehmen läßt - treten folgende Aspekte hervor:
- Sprache ist ein zwischenmenschliches Phänomen
- Sprache ist auch ein individuelles Phänomen
- Körper und Sinne sind involviert
- Sprache wird verkörperlicht
- Sprache ist ein Gefüge von Kulturtechniken der Interaktion,
des Gebens und Nehmens
- Sprache ist eine Technik des Verweisens auf Erfahrungen Anderer
Und diese Aspekte sind untrennbar miteinander verwoben.
Sprache ist ein zwischenmenschliches Phänomen
Eine Sprache ist zwischenmenschlich - denn
- Eine Sprache involviert viele Menschen.
- Keine der natürlichen Sprachen wurden von einem einzelnen
Menschen allein entwickelt. - Keine natürliche Sprache wird
ausschließlich von einem einzelnen Menschen in Isolation
verwendet.
- Sprechen und Hören natürlicher Sprachen sind zwischenmenschliche,
sind soziale Vorgänge.
- In solchen zwischenmenschlichen Vorgängen
- entsteht Sprache,
- wird die Sprache weitergegeben und individuell erlernt,
- wird die Art ihrer Verwendung und die Bedeutungen der Wörter
ausgehandelt,
- entscheidet sich, was an einer Sprache überlebt oder
untergeht.
Sprache ist also ein zwischenmenschlicher Vorgang.
Sprachtheorien, in denen die Interaktion von Menschen mit
Hilfe der Sprache, also ihr zwischenmenschlicher Charakter, nur
in Form einiger weniger auslösender Kindheitserfahrungen
für den Spracherwerb relevant ist, können das Phänomen
Sprache nicht in den Griff bekommen.
Sprache ist auch individuell
a) Der Körper und die Sinne
Eine Sprache involviert den Körper und die Sinne und
wieder den Körper.
Der Körper ist involviert:
- Eine Sprache sprechen ist eine körperliche Tätigkeit,
ist Körperhandeln, gehört zu den körperlichen
Handlungsweisen der Menschen.
- Die Sprache lernen ist mit sichtbar körperlichem Hinschauen
und Zeigen durch Erwachsenen verbunden; erste Verwendungen von
Gegenstandswörtern durch Kinder ebenfalls.
- Viele andere körperliche Tätigkeiten begleiten
das Sprechen. Das Sprechen einer Sprache ist Teil eines Bündels
von Tätigkeiten, zu dem z.B. Mimik, Hand- und andere Körperbewegungen,
das Einnehmen von Körperhaltungen, Kopf- und Augenbewegungen
etc. gehören.
Die Sinne sind involviert:
- Gesprochenes wird über den Hörsinn empfangen.
Die Sinne sind aber auch in einem anderen Sinne involviert:
- Ohne die über die Sinne erworbenen Vorstellungen hätten
die Wörter der Sprache nichts, aus dem ihre Bedeutung entstehen
könnte.
b) Sprache wird verkörperlicht
Auch der Körper ist noch in einem anderen Sinne involviert:
Der Körper ist involviert im Prozeß des Verkörperlichens
von Erfahrung
Alles, was unsere Sinne und unseren Körper erreicht,
wird in unserem Körper verarbeitet.
Bei jeder Erfahrung, die wir machen, bei allem, was wir lernen,
bei allem, was wir erleben, entstehen im Körper Spuren dieser
Erfahrung.
So verkörperlicht wird Erfahrung Teil unseres Körpers
- All diese Spuren unserer Erfahrungen sind verkörperlichte,
also körperliche Spuren.
- Sinneserfahrungen werden verkörperlicht, darunter die
gehörten Lautgestalten,
Denkerfahrungen werden verkörperlicht,
Handlungserfahrungen werden verkörperlicht,
Erfahrungen des Fühlens, des Empfindens und von Vorstellungen
werden verkörperlicht,
- nichts davon auf Dauer zur Gänze, aber zu einem guten
Teil.
All das ist kulturell
Wie wird es das ?
Alle Erfahrung ist konkret, ist spezifisch:
- Erfahrungen sind spezifisch - sie sind Umsetzungen der jeweiligen
konkreten Interaktionen
- In den Erfahrungen der Menschen
- wird die Lebenswelt des Hier und Jetzt
- werden die Verhaltensweisen der hier und jetzt anwesenden
Menschen
verarbeitet.
Lebenswelt und Lebensgewohnheiten sind strukturiert, aufeinander
abgestimmt und spezifisch:
- Lebenswelten sind strukturiert - ihre Komponenten sind auf
vielfältige Weise aufeinander abgestimmt - miteinander artikuliert.
- Menschen entwickeln Gewohnheiten - in Interaktion miteinander
und mit der Lebenswelt.
- Gewohnheiten sind strukturierte, verkörperlichte Verhaltensweisen
mit Spielräumen, die durch Weitergabe und gegenseitige Anpassung
von Menschen stereotypisiert werden und sich oft von ihren Entstehungsbedingungen
lösen.
- Diese Gewohnheiten - die Wahrnehmungs-, Vorstellungs-, Fühl-,
Denk-, Sprech- und Handlungsweisen - die ich, der Kürze
halber, oft zusammenfassend Verhaltensweisen nenne - sind
die Kultur, sind das, was man >kulturelle Prägung<
von Menschen nennt.
Was man mitnehmen kann, wenn man sein Land verläßt,
sind
- diese verkörperlichten Wahrnehmungs-, Fühl-, Denk-
und Handlungsweisen, die Empfindungs- und Vorstellungsweisen
und
- die unzähligen verkörperlichten Erfahrungen.
Sprache ist eine Technik des Bündelns von Erfahrungen
Beim Spracherwerb - und bei jeder späteren einzelnen
Verwendung von Sprache - werden verschiedenartige Erfahrungen
miteinander verwoben:
- Erfahrungen des Hörens von Lautabfolgen - der Lautgestalten,
die wir Wörter nennen,
- Erfahrungen des Sehens, des Riechens, des Greifens, etc.
- die Erfahrungen aller unserer Sinne,
- Erfahrungen des Denkens, der Phantasien, des Sich-Vorstellens
- sowohl des freien Fließens der Vorstellungen und Erinnerungen
als auch der herbeigezwungenen Vorstellungen.
Und bei der nächsten Verwendung derselben Lautabfolge
werden - mit Hilfe der bereits vorhandenen verkörperlichten
Vorstellungen der jeweiligen Sprachsequenz - weitere Erfahrungen
sowohl mit diesen Wörtern als auch untereinander zusammengebündelt.
Es wachsen also
- mehrere gleichzeitige Erfahrungen,
- frühere mit späteren Erfahrungen und
- sprachliche mit nichtsprachlichen Erfahrungen
zusammen.
Die Erfahrungen, die wir Bedeutungen von Wörtern nennen,
sind solche Gefüge.
Dieses >Bündeln< - dieses zu Gefügen Zusammenwachsen
- bewirkt keine Vereinheitlichung; sonst gäbe es keine >kontextuellen
Bedeutungen< !
Bedeutungen sind >strukturhafte Gefüge<, >Ablaufgefüge<,
>Abläufe in und durch Strukturen, die dadurch zu Gefügen
werden, daß sich Verbindungen etabliert haben und etablieren<,
die sich aktivieren oder gezielt aktiviert werden können.
Bedeutungen sind
- strukturhafte Gefüge,
- Ablaufgefüge,
- Abläufe in und durch Strukturen, die dadurch zu Gefügen
werden, daß sich Verbindungen etabliert haben und etablieren,
die sich durch die Aufnahme von Sinnesinformationen aktivieren
oder denkend gezielt aktiviert werden können.
Wörter sind Zugänge zu solchen Gefügen von
Erfahrungen.
Und Erfahrungen, die in irgendeiner Weise ähnlich sind,
sind - über solche Gefüge - Zugänge zu den jeweiligen
Wörtern.
Sprechen ist eine Technik des Verweisens auf Erfahrungen
Körperliches Zeigen ist Hinweisen auf Anwesendes
Bei der informellen Förderung des Spracherwerbs von Kindern
zeigen die Erwachsenen oft auf die Gegenstände, über
die sie sprechen. Kinder, die zu sprechen beginnen, zeigen oft
mit jeder Faser ihres Körpers dorthin, um sicherzustellen,
daß die anderen wissen, wovon es zu sprechen versucht.
Körperliches Hinweisen wird durch sprachliches Verweisen
ersetzt
Das körperliche Zeigen wird zurückgebildet - und
durch sprachliches Verweisen ersetzt.
Sobald ein Kind über seine Sinne ausreichende Hinweise
erhalten hat, daß seine Worte bei anderen Erfahrungen aktiviert,
die seinen eigenen ausreichend ähnlich sind, entfällt
die Notwendigkeit des Zeigens.
Der sprachliche Verweis reicht dann aus, um die mit dem Gesprochenen
verfolgte Absicht zu erreichen.
Die Bündelung sprachlicher Erfahrungen mit anderen
Erfahrungen macht das gleichzeitige Vorliegen des Erfahrbaren,
auf das verwiesen wird, unnotwendig
Durch die im - nie abgeschlossenen - Spracherwerb entstandene
>Bündelung sprachlicher Erfahrungen mit anderen Erfahrungen<
wird das gleichzeitige Entstehen der sprachlichen Erfahrungen
und der Erfahrungen, auf die verwiesen wird, unnotwendig - das
Vorstellungsgefüge ersetzt sie.
Sprechen ist eine Technik des Verweisens auf Erfahrungen
Anderer
Aus Zeigen wird Verweisen.
Während Zeigen eine Technik des Verweisens auf eigene
Erfahrungen ist, ist eine Sprache eine Technik des Verweisens
auf Erfahrungen Anderer.
Sowohl
- die Prozesse der Verkörperlichung von Erfahrungen -
und damit von Kultur -
als auch
- die Ergebnisse dieser Prozesse, die verkörperlichten
Erfahrungen
sind notwendig individuell.
Anders formuliert:
- Jeder Sprechende hat nur seinen Körper und seine verkörperten
Erfahrungen.
- Jede Hörende hat nur ihren Körper und ihre verkörperten
Erfahrungen.
Eine Sprache verstehen ist eine verkörperlichte Technik
des Kalibrierens von gegenwärtigen mit früheren Erfahrungen
Eine Sprache verstehen - Gehörtes oder Gelesenes - ist
eine verkörperlichte Technik des Kalibrierens von gegenwärtigen
Spracherfahrungen
- mit anderen gegenwärtigen nichtsprachlichen Erfahrungen
und
- mit vielen früheren Spracherfahrungen und
- mit vielen anderen früheren nichtsprachlichen Erfahrungen.
KULTUREN UND KULTURELLE PRÄGUNGEN
Kulturen sind nicht homogen
Wir wissen alle:
- Menschen sind nicht gleich
- Lebenswelten und Lebensumstände sind nicht gleich
- Erfahrungen sind nicht gleich
- Bedeutungen sind nicht gleich
Da all das nie gleich sein kann, können auch soziale
Interaktionsmuster nie gleich werden.
Überlappende Teilkulturen
Kulturen können daher auch im Inneren nicht gleich, können
nicht homogen sein.
- Kulturen bestehen aus einander vielfältig überlappenden
Teilkulturen - im Großen und im Kleinen.
Verhalten wird nur mit Menschen kalibriert, mit denen man
in Kontakt ist oder von denen man in anderer Weise Informationen
erhält. Im letzteren Fall ist es ein einseitiges, nur im
Empfänger stattfindendes Kalibrieren.
Die Prozesse des Aufeinander-Abstimmens von Verhalten, die
zum Ähnlichwerden des Verhaltens führen, sind daher
von den Interaktionspartnern und Interaktionssituationen abhängig,
sind zwischenmenschlich und individuell, sind interaktions- und
situationsspezifisch.
Auch Menschen haben nicht eine, sondern mehrere Kulturen,
nicht eine, sondern mehrere Identitäten
In einzelnen Menschen schlagen sich die überlappenden
Teilkulturen nieder:
- darin,
- daß man sich ganz selbstverständlich in diesem
Kontext so,
- in einem anderen Kontext anders verhält;
- darin,
- daß man verschiedene Rollen ausübt,
- daß man verschiedene Register von Verhalten beherrscht;
- darin,
- daß man verschiedene Varianten der eigenen Sprache
spricht,
- daß man die verschiedenen Bedeutungen, die Wörter
in verschiedenen Zusammenhängen haben, ganz von selbst so
interpretiert, wie sie in den jeweiligen Kontext passen.
Einzelne Menschen haben nicht eine - sondern mehrere - Kulturen,
nicht eine - sondern mehrere - Identitäten, nicht eine -
sondern mehrere Sprachen.
Diese Mehrfachkulturen, diese Mehrfachidentitäten, diese
Sprachvarianten sind über breite Strecken ähnlich,
sind miteinander verwandt, sind ineinander verwoben - oder besser
- verklettet, verwalkt.
Die Übergänge von den einen zu den anderen sind
so eingespielt, >die auslösenden Kontexte<
sind einem so bekannt, daß man sich der Mannigfaltigkeit
meist nicht bewußt ist.
Rollen und Register
Den mannigfaltigen Rollen entsprechen ebenso mannigfaltige
Wahrnehmungs-, Vorstellungs-, Empfindungs-, Fühl-, Denk-,
Sprech- und Handlungsweisen, die sich zu Registern verweben.
Jeder Mensch hat mehrere Rollen.
- - Man verhält sich z.B. anders, wenn man mit verschiedenen
Familienmitgliedern spricht.
- - Man verhält sich am Arbeitsplatz anders als unter
Freunden, am Sportplatz anders als in der Oper, etc.
Jeder dieser Rollen im Kleinen und im Großen entsprechen
bestimmte Verhaltensregister - Vorstellungsregister und Handlungsregister.
Diese Register sind - kulturell erworbene - Gefüge von
Sequenzen mit etablierten Zusammenhängen und eingespielten
Übergängen. - Kleinere und umfangreichere Gefüge.
- Keines dieser Gefüge ist allumfassend.
Auch diese Register sind verkörperlicht.
Die entsprechenden Sequenzen werden quasi-automatisch eingesetzt,
sie entstehen wie von selbst in der spezifischen Interaktionssituation.
Alle Menschen verfügen über die Fähigkeit
zu solchen Übergängen
Da jeder Mensch über solche Register verfügt, haben
alle Menschen die Fähigkeit zu solchen Übergängen
in ihrer Kindheit - und das heißt in unserem Kontext: in
ihrer Herkunftskultur - bereits erworben.
VERSCHIEDEN WIRKENDE VERKÖRPERLICHUNGEN VON ERFAHRUNG
Ich muß nun eine Unterscheidung einführen zwischen
- Verkörperungen von nur verbal oder nur denkend gemachten
Erfahrungen
auf der einen - und
- Verkörperungen lebenspraktisch erworbener Erfahrungen
auf der anderen Seite.
Verkörperlichungen von nur verbal bzw. von nur denkend
gemachten Erfahrungen
Die Unterscheidung von >l< und >r< für
Japaner und Chinesen
Der japanische Philosoph Ichiro Yamaguchi, der sich in Deutschland
habilitiert hat und mit einer Deutschen verheiratet ist, schreibt:
»Allein die Kenntnis des Unterschiedes zwischen "r"
und "l" beeinflußt den Prozeß der Wahrnehmung
des Japaners ... kaum.« 1
Auch die fremden Kulturen gegenüber aufgeschlossensten
Menschen unter uns belächeln es gerne, wenn Chinesen oder
Japaner diese beiden Laute verwechseln.
Tonhöhenunterschiede z.B. des Chinesischen für
Europäer
Doch geht es uns anders ?
Falls Sie zu jenen gehören, die nie eine Tonsprache gelernt
haben, in der - wie im Chinesischen - auch die Abfolge der Tonhöhe
die Bedeutung eines Wortes bestimmt, dann gehen sie einmal ins
nächste chinesische Restaurant und hören den anwesenden
Chinesen aufmerksam beim Reden zu. Versuchen Sie dabei, die bedeutungstragenden
Tonunterschiede herauszufiltern.
Ich habe es - ohne je Chinesisch gelernt zu haben - oft versucht;
ohne jeden Erfolg.
Wissen - auch sprachliches Wissen alleine - reicht nicht aus,
um solche Strukturen zu erkennen und diesem Wissen entsprechend
zu handeln.
Verkörperlichungen von lebenspraktisch erworbenen
Erfahrungen
Yamaguchi sagt weiter, daß
»die Wahrnehmung, selbst schon als eine Deutung, Artikulation
und Differenzierung - vor jeglicher überlegenden Deutung
durch den Verstand - am Werk ist:
»Man könne in einem fremden Land anfangs verschiedene
Differenzen in der Tat nicht "sehen", nicht "hören",
nicht "fühlen", nicht "schmecken".«
und
»daß es sich hier nicht um .. eine Deutung des
Wahrgenommenen, sondern .. um .. differenzierende Wahrnehmung
.. handelt«
Was Yamaguchi als differenzierende Wahrnehmung bezeichnet
ist wohl - soweit die grundlegenden Mechanismen betroffen sind
- dasselbe, wovon Wittgenstein spricht, wenn er sagt:
»wir sehen und deuten - in einem«
einer Erfahrung, der er unter den Wortformeln >Sehen
als< und >Sehen eines Aspekts< einen großen
Teil seiner >Philosophischen Untersuchungen< widmet.
- Differenzierende Wahrnehmung entsteht nicht durch Denken
oder Sprache allein.
- Differenzierende Wahrnehmung entsteht durch die Verbindung
von Erfahrungen mehrerer Sinne - das nichtbewußte und das
bewußte, das nichtsprachliche und sprachliche Denken und
die Erfahrungen eigenen Handelns und Empfindens eingeschlossen.
Lebenspraktisch erworbene Erfahrungen sind deshalb so stabil,
weil diese unzähligen und mannigfaltigen Verbindungen verkörperlicht
werden.
SCHLÜSSELQUALIFIKATIONEN IM ZWEITKULTURERWERB
Und damit hoffe ich die Mechanismen skizziert zu haben, die
zu meinen Vorstellungen von dem führen, was ich als die
Schlüsselqualifikationen für Kulturerwerb betrachte:
- Wenn Sprechen eine Technik des Verweisens auf Erfahrungen
Anderer ist,
- wenn Verstehen von Gehörtem Prozesse des Kalibrierens
von Spracherfahrungen mit nichtsprachlichen Erfahrungen mit Hilfe
einer - Schritt für Schritt erlernten - Technik sind,
dann müssen Schritt für Schritt Erfahrungen der
Arten erworben werden, wie sie in die Verhaltensweisen jener
Menschen eingegangen sind und eingehen, die von der Kultur geprägt
sind, in die man übersiedelt ist.
Das klingt erschreckend, denn es erscheint - auf den ersten
Blick - unmöglich.
Doch es ist nicht so unmöglich, wie es erscheint.
- Jeder Mensch - nicht nur ein Zuwanderer - hat nur seine eigenen
Erfahrungen.
- Kein Mensch kennt alles, was seine Kultur ausmacht.
- Es gibt in einer Kultur daher keinen einzigen Menschen, der
alle Erfahrungen gemacht hat, die diese Kultur ausmachen.
- Das Ziel des Kulturerwerbs kann daher nie der Erwerb von
allem sein, was die neue Kultur ausmacht, sondern so viel wie
möglich von dem, was davon für einen selbst relevant
ist.
- Jeder Mensch macht unablässig neue, zusätzliche
Erfahrungen.
- Jeder Mensch hat die Fähigkeit, seine eigenen Erfahrungen
mit den Rückmeldungen von Anderen zu kalibrieren.
- Jeder Mensch hat Erfahrungen mit dem Aufbau von Registern.
- Jeder Mensch hat Erfahrungen des Übergangs von einem
Register zu anderen.
SCHLÜSSELQUALIFIKATION: SICH EINLASSEN AUF UNVERTRAUTES
- Die erste der übergreifenden Schlüsselqualifikationen,
zu der mich meine Überlegungen geführt haben, ist >Sich
Einlassen auf Unvertrautes<.
- Um Vorstellungen, die in einer Kultur weit verbreitet sind
und diese prägen, jeweils für sich neu zu entwickeln
- und dabei das Entstehen der neuen Vorstellungen und neuer
Verbindungen zwischen gar nicht so neuen Vorstellungen nicht
durch das Dominantwerden der aus der eigenen Herkunftskultur
stammenden Vorstellungen zu verhindern
gibt es eine Herangehensweise, die darin besteht,
- sich den Sinneswahrnehmungen zu öffnen,
- sie wirken zu lassen ohne zu intervenieren,
kurz,
- sich auf die neue Um- und Mitwelt einzulassen, sie hereinzulassen,
sie nicht abzublocken,
- zu versuchen, das Interpretieren und das Bewerten - so weit
und so lange es die Handlungssituationen zulassen - hinauszuschieben.
Neue Vorstellungen aufbauen
Die Schlüsselqualifikation >Sich Einlassen auf Unvertrautes<
ist also eine Verhaltensweise und eine Methode, die es erleichtert,
>neue Vorstellungen aufzubauen<.
Sie ist die Fähigkeit, das mit den Sinnen Wahrnehmbare
- das Beobachtbare - so wie es ist - als aufgenommene Erfahrungen
der jeweiligen Sinne - wirken zu lassen, ohne sie durch allzuviel
bewußtes Denken (durch >Denken< im engeren Sinne
des Wortes) zu stören.
Bewußtes Interpretieren schließt meist - explizites
oder implizites - Bewerten ein. In jedem Falle verformt es >das
durch die Sinne Wahrgenommene<.
Es ist dieses implizite - meist quasi-automatische - Interpretieren
und Bewerten, das entscheidend zu dem bekannten Phänomen
der selektiven Wahrnehmung beiträgt.
Es geht also darum, die
- >herausgreifende und das Herausgegriffene interpretierende
und bewertende Aufmerksamkeit<
abzuschwächen und ein
- >sich öffnendes und sich offenhaltendes Hinwenden<
und das
- >Wirkenlassen des Eintreffenden<
und das Entstehen von Zusammenhängen durch das
- >Wirkenlassen des Eintreffenden in seinem Nacheinander<
zu verstärken.
Neue Vorstellungen zu neuen Registern zusammenwachsen lassen
Die Schlüsselqualifikation >Sich Einlassen auf Unvertrautes<
ist auch eine Verhaltensweise und eine Methode, die es erleichtert,
neue Vorstellungen zu neuen Registern zusammenwachsen zu lassen.
Der letzterwähnte Punkt
- das >Wirkenlassen des Eintreffenden in seinem Nacheinander<
ist jener Aspekt der Sinneserfahrung, aus dem - durch das
Entstehenlassen neuer Zusammenhänge - auch die Register
entstehen.
Die übergreifende Schlüsselqualifikation >Sich
Einlassen auf Unvertrautes< ist also die Basis für zwei
grundlegende Vorgänge im Kulturerwerb:
- für den Aufbau >neuer, zusätzlicher Vorstellungen<
und
- für das Zusammenwachsen von Vorstellungen zu >Vorstellungsregistern<.
SCHLÜSSELQUALIFIKATION: UMGANG MIT DISSONANZ
Die zweite übergreifende Schlüsselqualifikation,
zu der mich meine Überlegungen geführt haben, betrifft
den >Umgang mit Dissonanz<.
Daß diese Qualifikation mit dem >Sich Einlassen auf
Unvertrautes< eng zusammenhängt und dies oft erst ermöglicht,
scheint klar, denn
- eine Dissonanz festzustellen,
- sie nicht abzublocken,
- sie in ihrem Anderssein möglichst mit allen Sinnen aufzunehmen,
- sie wirken zu lassen,
- die ihr eigenen Zusammenhänge entstehen zu lassen,
sollen ja die Ergebnisse des >Sich Einlassens auf Unvertrautes<
sein.
Hier geht es nicht um jene Formen von Dissonanz, die in sozialen
Konflikten entstehen, sondern um den individuellen Umgang mit
jenen Dissonanzen, die im Bereich der Sinneswahrnehmung entstehen,
die wir als Verschiedenheit empfinden. Und die oft die Basis
für das Einrasten unserer differenzierenden Wahrnehmung
bilden, die dann oft >selektive Wahrnehmung<, Fehlinterpretationen,
und ähnliches auslösen.
Heute kann ich Ihnen noch keine - auch nur halbwegs gefestigten
- Vorstellungen darüber vorlegen, wie der notwendige neue
Umgang mit Dissonanz erreichbar ist.
Es schien mir aber erforderlich, auf diese Problematik hinzuweisen
und die zu entwickelnde Qualifikation - ihrer enormen Bedeutung
wegen - als Schlüsselqualifikation einzustufen.
Ich bin überzeugt davon, daß sich die entsprechenden
Verhaltensweisen entwickeln lassen und daß es möglich
ist, Vorgangsweisen zu entwickeln, durch die sich diese Schlüsselqualifikation
fördern läßt.
SCHLÜSSELQUALIFIKATION: ROLLEN, REGISTER UND SICHTWEISEN
WECHSELN
Die dritte übergreifenden Schlüsselqualifikationen,
zu der mich meine Überlegungen geführt haben, betrifft
die Frage:
- >Was sind die Schlüsselqualifikationen einer >plurikulturellen
Lebensweise< ?<
Die hiefür erforderliche Schlüsselqualifikation
ist die Fähigkeit zum >Registerwechsel<, zum >Rollenwechsel<
und zum >Wechsel von Sichtweisen<.
Ich habe schon gesagt, daß jeder Mensch diese Qualifikation
in seiner eigenen Kultur entwickelt.
Wenn Kinder - in unseren Breiten - Gendarm, Lehrer oder Schaffner
spielen, entwickeln sie Fähigkeiten des Rollenwechsels.
Wenn sie mit ihren Freunden spielen, dann mit ihren Eltern zusammen
sind, mit als Autoritätspersonen eingeschätzten Menschen
in Kontakt sind, und in einer Vielzahl anderer Situationen entwickelt
man diese Fähigkeit.
Es scheint mir möglich, diese Fähigkeiten systematisch
weiter zu entwickeln und auf die plurikulturelle Lebensweise
zu übertragen.
Abschließend
WELCHE ARTEN VON PÄDAGOGIK BRAUCHT MAN DAFÜR
?
eine Pädagogik der Anregung und der Hilfestellung beim
>Entstehen lassen< der >neuen Vorstellungen< und
der >neuen Register< - eine Pädagogik, die die Lernenden
(und einen selbst) zum >Sich Einlassen auf Unvertrautes<
führt,
eine Pädagogik, die die Entwicklung einer Kultur des
Umgangs mit den eigenen Dissonanzen zum Ziele hat - eine Dissonanzpädagogik
(zusätzlich zur ebenfalls erforderlichen Konfliktpädagogik),
eine Pädagogik, die die Fähigkeit zum Wechseln
von Rollen, Registern und Sichtweisen entwickelt und einübt
- eine Pädagogik des Registerwechsels
- Pädagogiken, die den Lernenden helfen, Verfahren und
Verfahrensweisen zu entwickeln, wie man diese Schlüsselqualifikationen
entwickelt und zu beherrschen lernt.
SCHLÜSSELQUALIFIKATIONEN SIND VERHALTENSWEISEN - NICHT
WISSEN
Beim Erwerb >kultureller Schlüsselqualifikationen<
geht es nicht um den Erwerb von Wissen, sondern um das
Erproben und das Einüben von Verhalten.
Wissen hilft - aber schafft es alleine nicht.
Zum Erwerb der kontextuellen Selbstverständlichkeiten
Ziele sind
- >selbstverständliches Verhalten<,
- >automatisches, situationsspezifisches Verhalten<,
- >kontextuelle Selbstverständlichkeit<.
Nur verbal oder nur denkend gemachte Erfahrungen
bewirken keine automatische Umsetzung in Wahrnehmungs-, Fühl-,
und Handlungsweisen.
Der Erwerb der kontextuellen Selbstverständlichkeiten
kann nicht im Unterricht, er muß im täglichen Leben
erfolgen.
Der Erwerb von Schlüsselqualifikationen erfolgt selbsttätig
und eigenständig
- und Schritt für Schritt
Die Fähigkeit und die Bereitschaft, sich auf Unvertrautes
einzulassen, scheint mir bei all dem das Wichtigste zu sein.
Und das läßt sich fördern und weiterentwickeln.
© Arne Haselbach 1998
Notes
* Referat
zu >Sprachausbildung und Kulturaustausch< beim Symposium
"Integrationshaus: Ein Modell für Europa", Wien,
25./26. Sept. 1998, in: MigrantInnen Akademie Schriften 2/1998,
S. 35-40.
1 YAMAGUCHI,
Ichiro »Ki als leibhafte Vernunft - Beitrag zur interkulturellen
Phänomenologie der Leiblichkeit«, W. Fink, München
1997: Dieses und die weiteren Zitate S. 37f.

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