|
Als Experiment der Volkshochschule Brigittenau befaßt
sich die >Wiener Denkwerkstatt< mit dem ganz normalen Denken.
>Alltagsdenken< und >Alltagswissen< wird dabei Thema
aktueller Bildungsarbeit und internationaler sozialwissenschaftlicher
Grundlagenforschung.
Gegenstand der Untersuchung ist der >denkende Umgang von
Menschen mit der Welt und mit sich selbst< in allen Aspekten.
Dabei geht es um die Frage: >Wie verarbeiten und verwerten
Menschen die Fülle von Informationen, die sie ständig
aus der Umwelt erhalten?<
Der gesellschaftspolitische Hintergrund
Was wir für Wirklichkeit halten, wird in gesellschaftlichen
Prozessen - durch interpersonelle Kommunikation - ständig
neu geschaffen.
Wir alle - und jeder für sich - sind unentwegt Zeugen
solcher Prozesse. Selbstverständlich erscheinende Erklärungszusammenhänge
wurden durch die steigende Sensibilität gegenüber Umweltproblemen
über den Haufen geworfen: Was einmal unbefragt als Fortschritt
galt, muß sich heute ganz andere, zusätzliche Fragen
gefallen lassen. In der Politik nimmt die Bereitschaft der Bürger/innen
ab, sich über längere Zeiträume für eine
bestimmte Art der Gestaltung der Gesellschaft einzusetzen - welche
es auch immer sein mag. In Europa sind hunderte Millionen Menschen
mit abruptem Wandel konfrontiert: in Ost-, Mittel- und Südosteuropa
sind Identitäten zerbrochen, niemand blieb unberührt;
in Westeuropa und bei uns herrscht Angst vor Überfremdung,
vor einem Verlust des bisher als selbstverständlich empfundenen
Lebensgefühls. Der Verlust wichtiger Teilidentitäten
läßt andere - neue Nationalismen - in den Vordergrund
treten, deren historische Überwindung bereits als gesichert
galt.
Umbrüche dieser Art verändern nicht nur institutionelle
Strukturen, politische Einflußsphären und Staatsgrenzen.
Bezugsfelder und Zusammenhänge, Wertvorstellungen und Kriterien
ändern sich - und damit das Denken, die Vorstellungen und
Verhaltensweisen der Menschen.
Umbrüche im Denken über das Denken
Unsere westliche philosophisch-wissenschaftliche Tradition
setzte Denken weitgehend mit sprachlichem Denken gleich. Als
Wissen galt nur, was - meist sprachlich - kommuniziert und intersubjektiv
überprüft werden kann. Hintergrund dieser Ausrichtung
unserer Tradition ist vor allem die kategorische Abgrenzung des
Menschen von der übrigen Natur und die Suche nach >objektiver<
Wahrheit.
Seit über hundert Jahren läßt sich eine tiefgreifende
Umwälzung im wissenschaftlichen Denken erkennen. Die Vorstellung
von den Atomen als letzte, nicht mehr weiter teilbare Einheiten
mußte ad acta gelegt und durch Vorstellungen von etwas
Zusammengesetztem ersetzt werden, das sich mittels Energie gegenseitig
als Raumgefüge trägt.
Für die Sozialwissenschaften gilt, daß sie selbst
Teil jenes Prozesses sind, den sie beschreiben. Seit den Entdeckungen
der Quantenphysik wissen wir, daß auch dort der Akt des
Beobachtens - und damit die Beobachter - die Ergebnisse der Beobachtung
beeinflussen.
Die offensichtlichen Widersprüche zwischen den fast allgemein
akzeptierten Ansichten über Vorstellungs- und Denkvorgänge
und dem, was wir aufgrund der Forschungsergebnisse vieler Wissenschaften
über diese Vorgänge heute wissen, sind gewaltig.
Viele der Grundvorstellungen, mit denen wir im Alltag und
in den Sozialwissenschaften operieren, wären davon betroffen,
blieben aber bis heute weitgehend unberührt. Eine Vielzahl
tradierter Vorstellungen, Zusammenfassungen und Abgrenzungen
bedürfen daher dringend systematischer Überprüfung.
Einige Thesen im Hintergrund der Wiener Denkwerkstatt
1. Alltagsdenken und Alltagswissen
Welches Wissen für jemanden nützlich ist, hängt
von seinem Alltagsleben, also von der Mannigfaltigkeit der Situationen
ab, die im Umgang mit anderen Menschen sowie mit Technik und
Natur beruflich und privat bewältigt werden müssen.
Basis der Bewältigung dieser Situationen im Alltag ist
das Alltagswissen - jene Sammlung von Wissen, die jede/r Einzelne
im Laufe seines Lebens schrittweise erwirbt.
>Wissenschaftliches< Denken und Wissen beruht auf denselben
Denk- und Wissensprozessen, die grundsätzlich jedem Menschen
zur Verfügung stehen.
2. Auch das nichtsprachliche Wissen muß berücksichtigt
werden
Das Überleben eines Menschen hängt zuallererst -
wie das aller höheren Tiere - von nichtsprachlichem Wissen
ab. Wenn das nicht von vorneherein einleuchtet, sollte man sich
z.B. überlegen, was passieren würde, wenn man nicht
sehen würde, wo man hintritt, und wenn einem das nichtsprachliche
Alltagswissen, das einem erlaubt, sich dem Gesehenen entsprechend
zu verhalten, fehlen würde.
Die einseitige Ausrichtung unserer Vorstellungen vom Denken
auf sprachliches Denken muß also überwunden und mit
allen Formen nichtsprachlichen Denkens zu einem neuen Ganzen
verbunden werden.
3. Kein Denken ohne Wertung und ohne Emotion
Zu unseren Vorstellungen von >rationalem< Denken gehört,
daß es emotionsfrei zu sein habe. Diese normative Vorstellung
vermittelt ein falsches Bild vom Denken.
Wenn wir Übereinstimmung feststellen, empfinden wir da
nicht Harmonie? Und im gegenteiligen Falle Dissonanz? Sind das
nicht Gefühle?
Es sind diese Gefühle von Harmonie oder Dissonanz auf
der Ähnlichkeit und Unähnlichkeit, und damit jedwede
Art von Identifikation, beruhen. Ohne Identifikation auf der
Basis von Ähnlichkeit aber ist die Verwertung von Gelerntem
unmöglich.
4. Mannigfaltigkeit, Überlappungen und Abwandlungen
- nicht Identität und Homogenität
Auch die (notwendige) Gleichbenennung von Dingen führt
zu grundlegenden Fehleinschätzungen im Denken. Die weitverbreitete
Annahme, daß Worte feste Bedeutungen haben sowie die impliziten
Auffassungen, daß Gebilde im Inneren homogen sind (wie
z.B. bei Kultur oder Identität) bzw. daß gleichbezeichnete
Gebilde tatsächlich gleich und nicht nur - in Bezug auf
etwas - ähnlich sind, sind darauf zurückzuführen.
Wir müssen uns von den Fiktionen von Identität -
identische Bedeutung, Identität im Inneren (Homogenität),
Identität mehrerer Exemplare - lösen. (Woraus natürlich
nicht abzuleiten ist, daß sie nicht weiter als Näherungsverfahren
verwenden werden sollen.) Ein Bild vom Denken aber, daß
auf diesen Vorstellungen von Identität aufbaut, ist falsch
und fehlleitend.
5. Lernen - nicht Übernahme fremden, sondern Aufbau
eigenen Wissens
Nach vorherrschender Meinung kann Wissen - so wie es ist -
transferiert werden. So funktionieren Lernprozesse aber nicht.
Wissen kann nicht wie ein Gegenstand von einem Lehrenden einem
Lernenden übergeben werden. Jeder Lernende muß sein
Wissen selbst neu aufbauen. Was dabei entsteht ist nicht identisch
mit dem Original, sondern (mehr oder weniger) ähnlich.
6. Einheit des Wissens?
Die beim lebenslangen Lernen entstehende Sammlung von Wissen
ist kein geschlossenes, widerspruchsfreies Ganzes, sondern besteht
aus einer Unzahl von Bruchstücken, von Ablaufs- und Vernetzungsmustern,
die beim Denken, Reagieren und Handeln durch die Verarbeitung
eintreffender und selbstgenerierter Information entstehen.
Die Einheit des Wissens ist - sowohl in individueller als
auch in globaler Hinsicht - eine Schimäre, ein Wunschtraum,
der Sicherheit verheißt, die aber in einer Welt, in der
Wirklichkeit durch individuelle und soziale Prozesse konstituiert
wird, prinzipiell unerfüllt bleiben muß.
7. Rezeption von Fragmenten wissenschaftliches Wissen im
Alltagswissen
Volkshochschulen haben nicht die Aufgabe, Wissenschafter auszubilden.
Dafür gibt es die Universitäten. Jedes wissenschaftliches
Wissen ist Teil eines komplexen Gebäudes. Um wissenschaftliches
Wissen zu vermitteln, müßte die gesamte Systematik
eines jener Wissensfelder, die wir Disziplinen nennen, vermittelt
werden. Es kann daher gar nicht Aufgabe der Volksbildung sein,
wissenschaftliches Wissen im eigentlichen Sinne zu vermitteln.
Was und wie lernen Personen, die sich nicht zum Wissenschafter
ausbilden, von den Wissenschaften, von den Aussagen bedeutender
Denker und Philosophen?
Was man lernen kann sind Teilaspekte aus den Ergebnissen einer
Wissenschaft - Fragmente, Module, Denkmuster - herausgebrochen
aus ihren Entstehungs- und Argumentationszusammenhang. Diese
werden rezipiert und dabei neukonstituiert. Wie generell beim
Alltagswissen entstehen auch hier Komponenten eklektischen Wissens,
die sich mit anderen Wissenskomponenten zu strukturierten Bedeutungsräumen
formieren.
Die pädagogische Zielsetzung
Als Erwachsenenbildner müssen wir uns im Klaren sein,
daß Umwälzungen in Gesellschaft und Denken für
unsere Arbeit von größter Bedeutung sind. Veränderungen
des Ausmaßes und der Intensität wie jene, mit denen
wir heute konfrontiert sind, haben in der Geschichte nicht selten
längere historische Perioden - und wahrlich nicht immer
nur positiv - geprägt.
Daraus ergibt sich, daß wir - um unseren Bildungsauftrag
erfüllen zu können - uns organisieren müssen,
um diese Veränderungen im Denken und Verhalten besser verstehen
zu lernen.
Wie Menschen im Alltag denken, mit Hilfe welcher Grundvorstellungen
und mit welchen Denkvorgängen sie sich Zusammenhänge
und Abläufe erklären, ist ein Schlüssel zu diesem
Verständnis. Denn was Menschen denken und wie sie
handeln, ist untrennbar damit verbunden, wie sie denken.
Die Volkshochschule Brigittenau versucht - neben vielen Kursen,
die auf die direkte Aufarbeitung dieser Phänomene gerichtet
sind - mittels der Grundlagenarbeit der >Wiener Denkwerkstatt<
auch einen Beitrag zur zukünftigen Gestaltung der Erwachsenenbildung
zu leisten.
© Arne Haselbach 1993
Anmerkung
*
Arne Haselbach, »Die Wiener Denkwerkstatt«, in: Tätigkeitsbericht
1990-1993, Verband Wiener Volksbildung, Wien 1993, S. 86-88

|