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Entwicklungspolitik handelt von Menschen, von der Welt, von
der Zukunft und von all dem, was getan wird, diese Zukunft zu
gestalten.
Wissenschafter würden Entwicklungspolitik als die Summe
der Maßnahmen definieren, welche die Gestaltung der Zukunft
der Menschheit zum Ziel haben.
Diese Definition ist jedoch viel zu eng, da sie nur die bewußt
auf dieses Ziel gerichteten Maßnahmen einschließt.
In der Praxis werden nur ganz wenige Maßnahmen bewußt
zur Gestaltung der Zukunft der gesamten Menschheit ergriffen.
Der überwiegende Teil der Maßnahmen, die diese Zukunft
entscheidend bestimmen, ist auf die Erreichung anderer, meist
kurzfristiger und partikularischer Ziele gerichtet. Diese, wie
auch die Unterlassung bewußter Maßnahmen zur Gestaltung
der Zukunft der Menschheit stellen daher einen unverzichtbaren
Gegenstand der entwicklungspolitischen Diskussion dar.
Entwicklungspolitik als aktive Gestaltung der Zukunft der
Menschheit setzt klare Zielvorstellungen, genaue Analysen und
die Bewältigung komplexer Probleme voraus.
Das Ziel ist klar. Es wird uns von Vernunft und Moral vorgegeben.
Die Priorität der Prioritäten ist die Schaffung menschenwürdiger
Lebensbedingungen für alle Menschen und jeden einzelnen
Menschen.
Die genaue Analyse der komplexen Entwicklungsprozesse in ihrem
historischen Kontext, die Möglichkeiten ihrer Beeinflussung
und Steuerung sowie die Ausarbeitung alternativer Problemlösungsmodelle
ist die Aufgabe der Entwicklungsforschung, der wissenschaftlichen
Komponente der Entwicklungspolitik.
Gegenstand der Untersuchung kann nicht nur eine bestimmte
Gruppe von Ländern - wie die Entwicklungsländer - sein,
wenn auch dort die größte Zahl jener Menschen lebt,
die von der Nichtverwirklichung des grundlegenden Zieles der
Entwicklungspolitik betroffen sind. Die internationale Struktur
wird weitgehend von Entwicklungszentren in den reichen Staaten
gemacht. Die Befassung mit der Politik dieser Zentren und den
Industriestaaten bildet daher einen integralen Bestandteil der
Entwicklungsforschung. Ebensowenig kann die Analyse auf wirtschaftliche
oder gar nur Wachstumsphänomene eingeschränkt werden.
Politische, soziale, kulturelle, institutionelle, rechtliche
und militärische Strukturen, Werthaltungen, Technologie
und Ressourcenausstattung und viele weitere Phänomene müssen
in die Untersuchung einbezogen werden, soll nicht ein umfangreicher
Teil der wissenschaftlichen Arbeit wie bisher an den eigentlichen
Problemen vorbeigehen. Entwicklungsforschung muß daher
den Rahmen traditioneller wissenschaftlicher Disziplinen und
sektorieller Betrachtungsweisen sprengen.
Entwicklungspolitik als - erfolgreiche oder erfolglose Bewältigung
der komplexen Probleme der Gestaltung der Zukunft der Menschheit
umfaßt alle Entscheidungen über nationale und internationale
Strukturen, die morgen oder in ferner Zukunft - Auswirkungen
auf die Befriedigung materieller oder immaterieller Bedürfnisse
von Menschen haben, gleichviel ob es sich dabei um Auswirkungen
auf die Produktion von Gütern und Dienstleistungen, auf
die Verteilung von Macht, Einkommen oder Zugangschancen, auf
Individuen, Gruppen oder Nationen oder auf die Erhaltung der
Umwelt und der natürlichen Ressourcen handelt.
Die Ereignisse der letzten Jahre, wie die Weltwährungskrise,
der Rückgang der Nahrungsmittelvorräte, die Veröffentlichung
des Berichts des 'Club of Rome', die Stockholmer Umweltkonferenz,
die Verteuerung der Rohstoffe, die Sondergeneralversammlung der
Vereinten Nationen und die Serie von Konferenzen über die
Verteilung der Ressourcen der Ozeane, das Wachstum der Weltbevölkerung,
die Sicherung der Welternährung und die Strukturen der Industrialisierung
haben dem Abschieben der internationalen Entwicklungspolitik
in den zwar wesentlichen, aber im Verhältnis zur Problematik
winzigen Bereich der Entwicklungshilfe endgültig ein Ende
gesetzt.
An Entwicklungspolitik in diesem Sinne sind wir alle direkt
beteiligt. Nur wenn wir umdenken und die Interessen der gesamten
Menschheit bei unseren Entscheidungen berücksichtigen, wird
es möglich sein, allen Menschen - unsere Kinder eingeschlossen
- eine menschenwürdige Zukunft zu sichern.
© Arne Haselbach 1974
Anmerkung
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Arne Haselbach, "Was ist eigentlich Entwicklungspolitik?",
Entwicklungspolitischer Kommentar, in: Entwicklungspolitik, Jg.1,
Nr.2, Wiener Institut für Entwicklungsfragen, Wien 1974

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